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Willkür tanzt Justitia auf der Nase rum

Theater-AG des Gymnasiums Philippinum Willkür tanzt Justitia auf der Nase rum

Die Inszenierung der Oberstufen-Schüler im Kultidrom des Philippinums stellte hochaktuelle Geschlechterfragen zur Diskussion. „Enthaltsamkeit bei einem Mann? Machtmissbrauch durch Frauentum?“

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In Shakespeares schwarzer Komödie „Maß für Maß“ zerren Angelas (Irma Trommer) verschiedenen Seelen an ihr.

Quelle: Maik Dessauer

Es sind die finalen Sätze der einstündigen Inszenierung von Shakespeares „Maß für Maß“, das die Theater-AG der Oberstufe vor ausverkauftem Haus präsentierte. Darüber hinaus bildeten diese Fragen auch den Kerngedanken der Inszenierung von Lehrer Eckart Dähnert, der die Gruppe seit vier Jahren leitet: Was wäre, wenn nicht Männer, sondern Frauen sämtliche Machtpositionen im Staat innehätten?

So handelte die Geschichte hier nicht von einem regierungsmüden Herzog, sondern einer Herzogin (Lara Edtmüller und Johanna Griesel im souveränen Wechsel), die ihr Amt kurzfristig ihrer Stellvertreterin überträgt, nur um diese, getarnt als Nonne, dabei zu beobachten, wie sie ihre neu gewonnene Macht sofort missbraucht. Es soll ein blutiges Exempel statuiert werden an der unehelich geschwängerten Claudia (Ronja Christ). Ihr frommer Bruder Ysander (Nanook Sendrowski als moralische Instanz) eilt herbei und versucht durch eine List das Leben seiner Schwester zu retten.

Welches ist wirklich das schwache Geschlecht?

Durch die geänderte Prämisse bekam Shakespeares Geschichte um Macht, Moral und Intrigen eine ungeahnte Doppelbödigkeit. Nicht nur, dass die implizierten Konflikte um ein Vielfaches intensiviert wurden – wie die Missbrauchskomponente, wenn die unbarmherzige Angela (kühl und kontrolliert: Irma Trommer) Ysander erpresst und im Tausch für das Leben seiner Schwester seinen Körper einfordert.

Es ist gerade die Idee, den Mann als schwaches Geschlecht und die Frau als Unterdrückende darzustellen, die den gesellschaftlichen Spiegelungen neue Facetten abgewinnen konnte. Denn letztlich änderte sich nichts. Wer über Macht verfügt, missbraucht sie. Egal ob Mann oder Frau. Dies mag daran liegen, dass die Inszenierung dem Originaltext treu blieb, kann aber auch als Kommentar zu inflationären Tendenzen in Genderdebatten gelesen werden.

Die aus weißen Stufen bestehende Bühne wurde zum Symbol gesellschaftlichen Auf- und Abstiegs. Minimalismus und Sterilität passten sich ebenso stimmig postmodernen Inszenierungsmustern an wie die verfremdeten Chorsequenzen. Hinzu kam das passionierte Spiel der jungen Darsteller(innen), die das Stück gekonnt zwischen Komödie und Tragödie ausbalancierten.

Anna-Lena Nix als agile Lucia, Edip Yüzgülen als brillant-süffisanter Zuhälter Pompejus (kleines Foto: Dessauer) sowie als Klavier und Gitarre spielender Mariano, Michelle Guds als rechte Hand Angelas, Anais Arhold als überdrehte Madame Fuddelfut und traurig versoffener Häftling Barnardina sowie Marie Schmidt als Nonne, Henker und Cellistin komplettierten das Ensemble.

von Maik Dessauer

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