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Wiedergefunden und doch verloren

OP-Buchtipp: Anthony Johnstons: „Justins Heimkehr“ Wiedergefunden und doch verloren

„Justins Heimkehr“ setzt da an, wo andere Geschichten aufhören: beim Happy End. US-Autor Bret Anthony Johnston zeigt in seinem Debütroman über eine Kindesentführung, wie aufwühlend ein vermeintlich glücklicher Ausgang sein kann.

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Ebenso packend wie irritierend ist Bret Anthony Johnstons 
Roman-Debüt „Justins Rückkehr“.

Quelle: Nina Subin/Verlag C.H.Beck

Es ist das Horror-Szenario für Eltern: Das Kind verschwindet. Eine Vorstellung, die Schrecken und Ängste heraufbeschwört. Und eine Geschichte, die oft in Literatur und Film aufgegriffen wird; meist als verzweifelte Suche nach dem Kind.

Doch in „Justins Heimkehr“ ist die nur das Vorspiel. In seinem Debütroman erzählt der US-amerikanische Autor Bret Anthony Johnston die so packende wie verstörend-menschliche Geschichte nach der Geschichte.

Vor vier Jahren verschwand der elfjährige Justin Campbell. Von heute auf morgen fehlte der Sohn, Bruder, Enkel. Über Jahre suchen nicht nur Familie und Polizei, sondern eine ganze Stadt nach dem Jungen. Das 
Familienleben der Campbells erstarrt in der Zeit. Das Zimmer des Jungen lassen sie unverändert, seine Post sammeln sie, jedes Jahr kaufen sie Geschenke für ihn.

Blick aus verschiedenen Perspektiven

Und dann taucht Justin plötzlich wieder auf: Die ganze Zeit hatte er unweit seines Zuhause bei seinem Entführer gelebt. Nach dem ersten freudigen Schock leben die Campbells wieder auf – als hätte jemand die Play-Taste gedrückt. Doch ein unbehagliches Gefühl bleibt und nagt an allen Familienmitgliedern.

Sie beobachten Justin: „Er benahm sich wie ein dankbarer Gast, wie jemand, der einen guten Eindruck machen will, damit man ihn wieder einlädt.“ Sie schleichen um ihn herum. Aus Angst ihn zu bedrängen, stellen sie keine Fragen.

Johnston filtert die Geschehnisse geschickt durch die Perspektiven der Familienmitglieder und gibt einen tiefen Einblick in die Gefühle der Figuren: die Mutter, die während der Suche statt der Hoffnung, sich selbst aufgibt; der Vater, der Liebe und Zuneigung bei einer anderen Frau sucht; der Bruder, der sich abkapselt und seinen Bruder imitiert; der Großvater, ein texanischer Patriarch, der für seine Familie die schlimmste Last auf sich zu nehmen bereit ist.

Nur in das Innenleben Justins lässt der Autor nicht blicken. Wie die Figuren im Roman, kann der Leser nur erahnen und aus Gesprächsfetzen erschließen, was der Junge ertragen musste. Johnston stillt nicht die Sensationsgier und liefert keine Medien- oder Gerichtsberichte mit Details aus der Gefangenschaft – anders etwa als bei echten Entführungsfällen, wie etwa dem von Natascha Kampusch, die vor zehn Jahren aus dem Kellerverlies ihres Peinigers entkam.

Geschichte spielt in Heimat des Autors

Mit seinem Roman hat Johnston einen internationalen Bestseller geschrieben. Das Buch erschien schon 2014 in den USA. Damals hat sich der 1971 geborene Johnston bereits einen Namen als Autor gemacht – unter anderem mit einer Sammlung an Kurzgeschichten, die in seinem süd-texanischen Heimatort Corpus Christi spielen. Auch „Justins Heimkehr“ hat Johnston wieder in der Region angesiedelt. Entsprechend überzeugend beiläufig lässt er Lokal­kolorit einfließen.

Im Roman blickt der Autor zwar vor allem in die Seelen seiner Figuren. Johnston wäre aber nicht auch Dozent für Kreatives Schreiben an der Harvard-Universität, wenn er nicht noch 
einen Spannungsbogen über allem aufbauen könnte. Denn Justins Entführer lebt und wird als Bedrohung wahrgenommen. Mit dem Geld seiner Eltern wurde ihm die Freiheit erkauft, während er auf den Prozess wartet, in dem er sich nicht schuldig bekennen will.

Schuldig fühlen sich stattdessen die Familienmitglieder. Der Bruder hat ein schlechtes Gewissen, weil er Justin damals im Streit aus dem Haus geekelt hatte. Die Mutter erinnert sich an einen verstörenden, wohl aber prägenden Lehrsatz ihres verhassten Vaters: „Wenn du nicht drauf aufpassen kannst, hast du es nicht verdient.“ Die Regel 
wird im Verlauf des Romans noch heftige Konsequenzen 
haben.

  • Bret Anthony Johnston: „Justins Heimkehr“, aus dem Englischen von Sylvia Spatz. C.H.Beck, 420 Seiten, 21,95 Euro.

von Marie Frech

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