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Wie strahlende Polarlichter in einer Winternacht

Karl Seglem im KFZ Wie strahlende Polarlichter in einer Winternacht

Der norwegische Weltmusiker und Jazzer Karl Seglem hat sich in die Herzen der KFZ-Programmplaner gespielt. Am Samstag war er mit neuer Platte und neuer Besetzung wieder in Marburg

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Der norwegische Saxofonist Karl Seglem entlockt auch verschiedensten Tierhörnern sphärisch-schwebende Klänge.Foto: Jan Bosch

Marburg. Es verspricht ein gemütlicher Samstagabend zu werden, um sich bei Kerzenschein, Rotwein und guter Musik auf den bevorstehenden Winter einstimmen. Um die düstere Jahreszeit zu überstehen, braucht es Ruhe und Wärme, aber auch Willen und Energie.

Der aus Norwegen stammende Tenorsaxofonist Karl Seglem kennt sie nur zu gut, die langen und dunklen Winter. Seine musikalische Antwort lautet NyeSongar.no, ein Sahnestück mit neun strahlenden Polarlichtern.

Manchmal mystisch-meditativ, im nächsten Moment schwungvollster Jazz, von ruhig bis kraftvoll, lassen Seglem und seine Band traditionelle norwegische Volksmusik mit modernen Jazz-Elementen zu etwas Neuem verschmelzen. Ihre Arrangements sind von langsamer Schönheit und von leiser Vielschichtigkeit durchzogen. Das Ende eines Stückes kann sich bei Seglem auch mal über Minuten anbahnen und hinziehen. Die letzten Töne seines Saxofons gleichen dem leichten Hauchen des Windes, der in den Weiten der norwegischen Winterlandschaft verschwindet. Stille. Abgetaucht in tiefe Klangwelten erstarrt Seglem mit geschlossenen Augen, sein Instrument am Mund. Noch intensivere Stille.

Völlig elektrisiert lauschen die Zuschauer nach dem nächsten Ton. Man traut sich kaum zu atmen, ganz zu schweigen vom tosenden Applaus, den die Künstler verdienen. Gebannt von der Intensität des Augenblicks, den jeder so lang wie möglich erleben will, verharren alle im Saal. Regungslos.

Seglems neues Quartett besteht aus dem Pianisten Andreas Ulvo, Sigurd Hole am Kontrabass und dem Percussionisten Jonas Howden Sjøvaag. Sie bilden eine erfreulich experimentierfreudige Einheit. Bei ihren kraftvollen Kompositionen nutzen sie alles, was ihre Instrumente hergeben.

Notenblätter im Flügel erzeugen ein Prasseln der Regentropfen auf feuchtem Laub, das Peitschen der Jazzbesen in der Luft lässt den Wind böig erscheinen.

Selbst ein Glas Wasser wird bei Seglem zum musikalischen Kunstwerk.

Mit breitem Grinsen freut er sich, dass der Sound beim Einschenken gerade recht gut zu den Soli seiner Mitstreiter passt, die auch umgehend auf die neuen Klänge eingehen.

Ob Antilope oder Ziege, was bei Seglem natürlich nicht fehlen darf, sind einige Stücke, bei denen er eines der zahlreich vor seinen Füßen liegenden Tierhörner ansetzt und dem archaisch anmutenden Instrument schwebende Klänge entlockt.

Karl Seglems Acoustic Quartet begeistert die Zuschauer mit ihren intensiven Klangexperimenten und phantasievollen Improvisationen, ohne zu verkopft und kompliziert zu sein. Die neue Besetzung bringt erfreulich kreativen Wind, der derzeit etwas mehr in Richtung Jazz, als Weltmusik bläst.

von Jan Bosch

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