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Wie ein Mobile, durch das Wind weht

OP-Buchtipp: Ulrich Peltzer: „Das bessere Leben“ Wie ein Mobile, durch das Wind weht

Wie kann man heute noch einen Roman schreiben, in einer unübersichtlichen globalisierten Welt? Ulrich Peltzer entwirft ein großes Gegenwartspanorama der Sprünge und Zufälle, das einen enormen Sog entwickelt.

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Eingespielt, witzig, skurril

Der Poet Ulrich Peltzer hat einen ungewöhnlichen Roman verfasst: Sein Gegenwartspanorama kommt ohne herkömmliche Chronologie aus.

Quelle: Uwe Anspach / dpa

Ein Mann, Mitte 50, allein in einem Hotelzimmer in der tosenden brasilianischen Metropole São Paulo. Er schreckt hoch aus Alpträumen, eine Demo auf einem Uni-Campus, USA 1970. Schüsse fallen. Damals war er jung und verliebt in ein Mädchen. Die Gegenwart dagegen scheint bleiern zu sein, „lange Tage im Chaos der Stadt und zerrissene Nächte“.

„Angefangen wird mittendrin“, so lautete der Titel von Ulrich Peltzers lesenswerten Frankfurter Poetikvorlesungen von 2011. Mit „Das bessere Leben“ legt der 1956 in Krefeld geborene und seit 1975 in Berlin lebende („Teil der Lösung“) jetzt einen faszinierenden Gegenwartsroman vor, der ohne herkömmliche Chronologie auskommt, keine runde, abgeschlossene Geschichte erzählt, sondern aus lauter mehr oder weniger verknüpften Fragmenten besteht.

Ein Text wie ein Mobile, durch das der Wind weht. Zentrale Figur in diesem flirrenden Prosa-Panorama ist Jochen Brockmann, Anfang 50. Der Sales Manager lebt in Turin, geschieden, eine erwachsene Tochter. Der Mann hat viel Geld verdient, einiges in die Schweiz aufs Nummernkonto gebracht, aber jetzt hakt es. Die italienische Firma, für die er arbeitet, soll verkauft werden.

Brockmann gerät ins Schlingern, aber dann verliebt er sich in Angelika Volkhart, ehemalige DDR-Bürgerin, jetzt leitende Angestellte in einer Reederei in Amsterdam. Und die Prioritäten verschieben sich.

Große Utopien sind geplatzt

Ein irrer Zufall führt beide in einem indonesischen Restaurant zusammen, oder hatte da ein Dritter seine Finger im Spiel? Das wäre dann Sylvester Lee Fleming, britischer Staatsbürger, global tätig, ein Spieler und Dealer. Der Mann mit den Alpträumen und dem Namen wie aus einem Hollywoodfilm. Als Student hat er Drogen vertickt, jetzt verkauft er dubiose Versicherungen, und definitiv umgibt ihn etwas Diabolisches. Peltzer zitiert den alten Stones-Song „Sympathy For The Devil“.

Wir Leser tauchen ein in den Bewusstseinsstrom dieser drei Protagonisten, um die herum Freunde, Schulkameraden, Geschwister, Eltern, Ex-Frauen und Kinder kreisen. Sie tragen – wie wir alle – ihre Vergangenheit wie ein uneingelöstes Versprechen mit sich herum. Die Hoffnungen von damals, die großen Utopien, die längst geplatzt sind. Manchmal sind es dann auch zu viele Figuren, ein Kapitel führt zurück nach Moskau 1936, Grabenkämpfe unter Kommunisten, deutschen Exilanten, denen die Auslöschung droht. Die Verbindung in diese hochpolitische Sphäre hinein ist schon sehr konstruiert.

Peltzer hat viel reingepackt in seinen Roman: Studentenunruhen in den USA, Verkaufsverhandlungen unter Managern, Kinofilme und Kaufoptionen, Kiffen auf dem Schulhof und Geschäftsessen mit reichlich Alkohol. Und wofür die ganze Plackerei, fragt sich Brockmann manchmal.

Seit dem Studium sammelt er Zeichnungen von Gegenwartskünstlern, Hockney, Beuys oder Lassnig. Die Kunst bildet für ihn so etwas wie einen utopischen Fluchtpunkt, weil sie zweckfrei ist, „eine göttliche Gabe“, wie Brockmann es empfindet. Den Widerspruch, das er sich diese Kunst nur leisten kann, weil er vom entfesselten Kapitalismus blendend profitiert, hält Peltzers Roman locker aus.

  • Ulrich Peltzer: „Das bessere Leben“, S. Fischer Verlag, 446 Seiten, 22,99 Euro

von Johannes von der Gathen

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