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Wer zahlt die Rechnung für den Irrsinn?

John Lanchester zur Finanzkrise Wer zahlt die Rechnung für den Irrsinn?

In seinem Sachbuch "Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt" erklärt der Brite John lanchester "die bizarre Geschichte der Finanzen".

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Das Foto zeigt den britischen Autor John Lanchester auf der Buchmesse in Leipzig. Foto: Marc Tirl

Quelle: Marc Tirl

Marburg. In John Lanchesters erhellendem Buch über den Wahnsinn hinter der Finanzkrise taucht in der Mitte plötzlich eine mathematische Formel auf. Der Finanzmathematiker David X. Li lieferte damit vor gut einem Jahrzehnt den „Beweis“, dass sich durch Spekulieren mit Finanzderivaten risikofrei Geld vermehren lässt. Das setzten Banken und andere bekanntermaßen in immer gigantischeren Größenordnungen um, bis sich die Sache mit dem „risikofrei“ 2008 dann doch als falsch erwies. Lanchester meint zu der Formel: „Ich habe absolut keine Ahnung, was das bedeutet.“

Aber er kann einleuchtend und engagiert erklären, was Derivate sind (ultrakurz: Terminkontrakte, um Preisrisiken etwa für eine Ernte abzusichern). Und wie die Erfindung immer neuer Derivatgeschäfte in immer unglaublicheren Dimensionen zum Kollaps führen musste.

Als einer „wie du und ich“ hat sich der 1962 in Hamburg geborene Journalist von der „London Review of Books“ daran gemacht, in den Dschungel der Finanzindustrie einzudringen. Herausgekommen ist der 700-Seiten-Roman „Kapital“ über die Londoner Pepys Road mit ihren von der Finanzkrise unterschiedlich getroffenen Bewohnern. In „Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals zurückzahlt“ breitet Lanchester jetzt seine Einsichten als Sachbuch aus.

Er erklärt die explosionsartige Ausbreitung komplizierter Finanzprodukte in entspannter Tonlage und (fast immer) verständlich. Sich bezieht er ein als Normalbürger mit eigenen finanziellen Überlegungen beim Wohnungskauf oder -verkauf oder als Nutzer von Computern, mit denen weltweit Spekulationsgeschäfte betrieben werden.Zunehmend ängstlich liest man als bizarres Beispiel für „wagemutiges“ Jonglieren mit (fiktiven) Milliarden bei Wettorgien noch mal vom Versuch des Autozwerges Porsche, den Riesen VW zu schlucken. Der bekanntlich mit dem Gegenteil endete.

Bei der Frage nach der Rechnung für den Irrsinn gehört Lanchester zu den Euro-Skeptikern und zu den Kritikern der überall in Europa mit Kanzlerin Angela Merkel verknüpften Sparpolitik. Die Rolle Deutschlands als mächtigster europäischer Wirtschaftsmacht gegenüber dem krisengeschüttelten Süden ist für ihn klar: „Wenn es der deutsche Steuerzahler schafft, und sei es auch noch so widerwillig, anzuerkennen, dass es seine Pflicht ist, die Bürde zu schultern, wird sich der Euro wohl irgendwie durchschlagen.“ Ein Spaziergang werde das nicht.

John Lanchester: „Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt - Die bizarre Geschichte der Finanzen“, Klett Cotta-Verlag, 302 Seiten, 19,95 Euro.

von Thomas Borchert

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