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Wer braucht da schon Radiomusik?

Konzert im KFZ Wer braucht da schon Radiomusik?

Es gab Zeiten, in denen die Bühne wirklich brannte, wenn „Trail of dead“ ihren Auftritt beendeten. Heute brennen die vier Texaner ein rein musikalisches Feuerwerk ab.

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Conrad Keely (von links), Jamie Miller und Jason Reece von „...and you will know us by the trail of dead“ im KFZ in Marburg.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. In einem Interview mit der Musikfachzeitschrift „Visions“ hat Jason Reece kürzlich erklärt, dass es ihm wohl nicht möglich sei, einen radiotauglichen Hit zu schreiben, wenn er es denn wirklich darauf anlegen würde. Wer am Montag zu den etwa 300 Gästen im KFZ gehörte, wird dieses fehlende Mainstream-Gen des 43-Jährigen in keiner Sekunde vermisst haben.

"Your Favorite Enemies" im KFZ Marburg. Foto: Thorsten Richter (thr)

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Denn „.. and you will know us by the trail of dead“ tun an diesem Abend genau das, was sie am besten können: sie zeigen eine entfesselte Show voller musikalischer Finesse und bilden damit das Gegenstück zum häufigen Einheitsgedudel aus dem Radio. Noch vor zehn Jahren bekamen Veranstalter und Clubbesitzer schweißnasse Hände, wenn sich die vier Texaner für einen Auftritt ankündigten.

Zerschmetterte Gitarren gehörten eine ganze Zeitlang genauso zum Band-Repertoire wie zerstörte Hotelzimmer, aus deren Fenstern schwere Fernseher flogen. Im Marburger KFZ blieben das Inventar und die Instrumente zum Glück unversehrt. Die Chaoten von damals mögen etwas ruhiger geworden sein, was jedoch nicht bedeutet, dass da nicht noch genügend Energie wäre, um nach einer wirklichen Rockshow ein staunendes Publikum zu hinterlassen.

Musikalischer Brückenschlag

Kern der Band sind genannter Jason Reece (Schlagzeug, Gitarre, Gesang) und Conrad Keely (Schlagzeug, Gitarre, Bass, Gesang). Die Jugendfreunde bilden die Kreativabteilung und werden ergänzt durch Jamie Miller (Gitarre, Schlagzeug) und Autry Fulbright II. (Bass, Gitarre). Die Musik der Multi-Instrumentalisten lässt sich nur schwerlich auf einen Begriff reduzieren. Oftmals firmierend unter der Bezeichnung „Alternative Rock“ schlagen die US-Amerikaner Brücken zwischen Prog- und Punkrock, beziehen klassische Musik mit ein und zeigen sich auch dem Pop nicht abgeneigt.

Genauso vielseitig wie die Einflüsse sind dann auch die musikalischen Talente der einzelnen Bandmitglieder. In der ersten Hälfte des Konzerts herrscht auf der Bühne ein fröhliches Wechselspiel. Bass und Gitarre werden getauscht. Der Schlagzeughocker wird praktisch nach jedem Lied neu besetzt und auch beim Gesang wird sich munter abgewechselt. Die Hörer bekommen es somit gleich mit mehreren Bands zu tun, da sich natürlich auch der Sound durch die vielen Wechsel verändert. In der zweiten Hälfte des Auftritts dominiert dann die Besetzung mit Keely als Frontmann, der dem Publikum Hymnen wie „Will you smile again?“ entgegen schmettert.

Zur Musik-Leidenschaft des auf Hawaii geborenen Keely gesellt sich auch die fürs Schreiben und Zeichnen. Sein erstes Buch, ein Fantasie-Epos, ist gerade in Arbeit. Vom künstlerischen Talent des 42-Jährigen konnten sich die Konzertbesuchen im Foyer des KFZ überzeugen. Dort gab es Kunstdrucke der Werke von Keely zu kaufen. Darunter auch aufwendige Kugelschreiber-Zeichnungen, die zum Teil als Vorlagen für die Album-Cover dienten.

Seit 21 Jahren aktiv im Musikgeschäft

Nach neun Studioalben und im 21. Jahr ihrer Bandgeschichte sind „Trail of dead“ noch immer eine Live-Attraktion. Auf der Bühne entfaltet die Band ihr ganzes Potential. Und nach wenigen Minuten bekommt man eine Ahnung davon, warum Reece keine Radio-Musik schreiben mag und kann.

Es sind die Momente, in denen die sphärischen Töne langsam übergehen in einen treibenden Rhythmus. Wenn sich eine pompöse Klangwand erhebt, um im nächsten Moment mit aller Energie niedergerissen zu werden.

„Trail of dead“ schaffen Emotionen und erzählen mit ihrer Musik Geschichten. Für das Radio sind die Lieder schlicht nicht eingängig genug oder einfach zu lang. Den 300 im KFZ ist das egal - an diesem Abend braucht wirklich niemand ein Radio.

von Dennis Siepmann

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