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Wer bin ich – und wie viele?

Theaterstück „Wir sind Hundert“ Wer bin ich – und wie viele?

Oda Zuschneid, Ayana Goldstein und Leonie Rainer vom Hessischen Landestheater zeigen im Ladenlokal Kratz eine kleine, aber feine Theaterproduktion.

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Die drei Ichs einer Frau kuscheln auf dem Sofa: Ayana Goldstein (von links) ist das rebellische Kinder-Ich, Oda Zuschneid das Erwachsenen-Ich und Leonie Rainer das Eltern-Ich.

Quelle: Benjamin Kaiser

Marburg. lm Jahr 1970 erschien ein Buch mit dem Namen „Spiele der Erwachsenen“. In dieser Lektüre hielt der kanadische Psychiater Eric Berne verschiedene Ich-Zustände der menschlichen Natur fest: das Eltern-Ich, das Erwachsenen-Ich und das Kinder-Ich.

Was passieren kann, wenn diese drei Zustände auf der Bühne miteinander konfrontiert werden, sahen am späten Mittwochabend 45 Zuschauer bei der Premiere von „Wir sind Hundert“ im  „Ladenlokal Kratz“ in der Oberstadt.

Die Aufführung mit Verspätung, da zwei der drei Darstellerinnen – Ayana Goldstein und Leonie Rainer – kurz vorher noch auf dem Marktplatz bei „Cinderella“ auf der Bühne standen zum Hirschberg hechten mussten. Als es losging, schien für Goldstein, Rainer und Oda Zuschneid vom Ensemble des Landestheaters alles Routine. Für die Inszenierung des Stücks, das aus der Feder des tunesisch-schwedischen Autors Jonas Hassen Khemiri stammt, zeichnete Dramaturg Christopher Hanf verantwortlich.

Gesteckte Ziele rücken in weite Ferne

„Das Stück hat unheimlich viel Tiefgang und thematisiert die innere Zerrissenheit der menschlichen Psyche“, sagt Hanf. Die drei Ichs einer Frau stellen sich existenzielle Fragen: Dabei liegt der Fokus auf der klaffenden Schlucht zwischen Anspruch und Realität.

Ziele und Träume, die gesteckt wurden, die jedoch größtenteils immer weiter in die Ferne gerückt sind. Und vor allem: Was ist Glück? Dabei kommt jedes Ich zu anderen Antworten. Dabei stellen die drei Ichs in Rückblicken wie in einem bewegten Bilderbuch verschiedene Lebenssituationen nach.

Das Trio agiert schauspielerisch auf einem hohen Niveau. Die 25-jährige Leonie Rainer sticht jedoch hervor. Sie mimt das fürsorgliche Eltern-Ich, das vom Streben nach Glück getrieben wird, besessen ist von der Suche nach Liebe und Bestätigung, und von Selbstzweifel zerfressen wird.

Highlight: Ein Trialog zwischen einer dreiköpfigen Familie, bei der Rainer Mutter, Vater und Kind beim gemeinsamen Essen spielt. In rasantem Tempo „zappt“ sie zwischen den Figuren umher, bis in einer emotionalen Eruption die Salatschüssel samt Inhalt im hohen Bogen über die Bühne fliegt.

„Okay, auch mal unglücklich zu sein“

Ayana Goldstein spielt das Kinder-Ich – das „Nesthäkchen“ mit großen Zielen. Eine kompromisslose Möchtegern-Revolutionärin mit „Anti-Haltung“ gegen fast alles, die sich Freiheit und Unabhängigkeit auf die Fahne geschrieben hat. Doch schnell wird klar, dass auch die Rebellin nicht so taff ist, wie sie tut.

Weniger Möglichkeiten, um sich auszuzeichnen, hat Oda Zuschneid. Die 33-Jährige meistert ihre Rolle als Erwachsenen-Ich zwar mit Bravour, doch dieser Ich-Zustand zeichnet sich durch Emotionslosigkeit aus, ist weniger facettenreich als die anderen beiden.

„Aber wir waren glücklich!“ wiederholt Leonie Rainer während der Darbietung immer wieder. Im Laufe des Stücks mutiert diese Aussage jedoch immer mehr zur Feststellung: „Ich glaube, das Stück soll dem Zuschauer mit auf den Weg geben, dass es okay ist, auch mal nicht glücklich zu sein.“

Laut Eric Berne ist es gesund, wenn ein Mensch alle Ich-Zustände zur Verfügung hat. Genau so endet „Wir sind Hundert“: In Harmonie und eng aneinander geschmiegt liegt auf der Couch zusammen, was zusammengehört – die drei Ichs eines Menschen. Nach der Premiere startete die erste „Kopfhörersause“ des Sommers im „Kratz“, die allerdings nur spärlich besucht war.

  • Weitere Spieltermine von „Wir sind Hundert“ im Kratz: 24. Juni um 20 Uhr,  26. Juni um 23 Uhr.

von Benjamin Kaiser

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