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Wenn sich das Leben um Tristesse, Tod und Tanz dreht

Theater Gegenstand Wenn sich das Leben um Tristesse, Tod und Tanz dreht

Russland an der Schwelle zum 20. Jahrhundert: Der Großteil der Bevölkerung ächzt unter der Ausbeutung des Feudalsystems. Doch davon bekommen die zehn Figuren, fast alle adeliger Herkunft, in Anton Tschechows „Drei Schwestern“ nichts mit. Sie leben in einer Seifenblase. Aber auch sie sind alles andere als sorgenfrei, sondern versinken in Gram über ihr eigenes Geschick.

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Irina (Hanna Franke, von links), Olga (Sabine Kröning), Soljono (Simon Rustler) und Mascha (Inga Berlin) in einer Szene aus 
„Drei Schwestern“.

Quelle: Elena Müller

Marburg. Die tschechische Regisseurin Hana Magdonová, die zurzeit einen Europäischen Freiwilligendienst bei Theater Gegenstand absolviert, siedelt die melancholische Komödie auf einer fast leeren Bühne an. Im Mittelpunkt stehen die Geschwister Olga, Mascha und Irina (Sabine Kröning, Inga Berlin, Hanna Franke) und Andrej (Henrik Diels). Sie sind gebildet, sprechen mehrere Sprachen. Und sie sind pleite.

Andrej hat das Erbe des Vaters verspielt, nun sitzt das Quartett auf einer Militärbasis in der Pampa fest. Andrejs Ehefrau Natalja (hervorragend Frauke Oberländer) hat die Kontrolle im Haus an sich gebracht und terrorisiert ihren Mann und dessen Schwestern mit ihrer hysterischen Art.

Die Geschwister sind unfähig, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Während die unglücklich verheiratete und desillusionierte Mascha in die Untreue abdriftet, träumt Irina von einem Leben in Moskau und muss sich zweier Interessenten erwehren, dem drögen Offizier Tusenbach und dem extrovertierten Unteroffizier Soljony (brillant, Simon Rustler), Letzterer ist der schillernde Paradiesvogel des Stücks. Rustler spielt groß auf und meistert die Gratwanderung zwischen liebeskrankem Soldaten und selbstgefälligem Lebemann 
hervorragend.

Glücklichsein ist ein Luxus, den sich in dieser Inszenierung keine Figur leisten kann und will. Die einzigen Glückshormone scheinen beim Tanzen freigesetzt zu werden. Bei den Tanzeinlagen ertönt im Hintergrund der Bossa-Nova-Hit „The Girl from Ipanema“ von 1962. Der musikalische Ausdruck von brasilianischer Lebensfreude und Leichtigkeit. Er drückt all das aus, was die ­Figuren in der russischen Einöde nicht haben.

von Benjamin Kaiser

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