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Wenn sich das Leben im Büro abspielt

"Warteraum Zukunft" am Hessischen Landestheater Wenn sich das Leben im Büro abspielt

Daniel Puttkamer ist genervt. Ziemlich sogar. In „Warteraum Zukunft“ begleitet ihn das Theaterpublikum einen Tag. Bei der Premiere am Samstag gab es viel Applaus für die Inszenierung von André Rößler.

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Im austauschbar grauen Bürodresscode präsentieren sich die Darsteller in „Warteraum Zukunft“: Julia Glasewald (von links), Jürgen Helmut Keuchel und Tobias M. Walter.

Quelle: Christian Buseck

Marburg. „Arbeit ist schädlich. Arbeit ist total schädlich, Arbeit ist ultraschädlich, Arbeit ist die totale Beschädigung. Der Megaschaden! Wenn ich das mal so sagen darf.“ Das sagt Daniel Puttkamer, der „Held“ in Oliver Klucks preisgekröntem Stück „Warteraum Zukunft“. Erzählt wird ein Tag im Leben des jungen Ingenieurs. Und im Grunde erzählt Kluck damit das ganze Leben Puttkamers, denn das spielt sich im Büro ab.

„Warteraum Zukunft“, 2010 uraufgeführt, ist kein Drama im herkömmlichen Sinn, keine Tragödie und keine Komödie. Es ist von allem etwas, ist vor allem aber die wütende Tirade eines Menschen, der keine Zeit für das Leben hat. Frauen? Fehlanzeige. Wenn Sex, dann vielleicht mit einer Kollegin, der es ähnlich geht, wie ihm. Freunde? Keine Post, keine Anrufe. Familie? Gott bewahre.

Daniel Puttkamer ist ein junger Mann Anfang der Dreißiger. Er hat alles gemacht, was sein Vater und die Gesellschaft von ihm erwarten. Er hat schnell studiert, Praktika absolviert, promoviert mit 28. Seit vier Jahren ist er in der Firma. Wie alle anderen schuftet er Stunde um Stunde. Von der Stadt, in der er arbeitet, kennt er im Grunde nur den Weg zur Arbeit und zur Tankstelle, wo er sich abends schnell etwas zu essen holt, weil die Läden schon geschlossen haben. Junkfood, ein Bier, oder zwei.

Und endlich wird er vorgelassen zum Chef. Die ersehnte Beförderung? Nein, er wird abgeschoben nach Rumänien. Ein paar Jahre nur, dann könne er in der Firma größere Aufgaben übernehmen, meint väterlich-dämonisch „der Alte“ (Jürgen Helmut Keuchel). Puttkamer ist gefangen im Hamsterrad, strampelt und strampelt, doch die Fleischtöpfe sind besetzt.

„Warteraum Zukunft“ ist bereits die 35. Regiearbeit des 35-jährigen Regisseurs André Rößler und die vierte am Hessischen Landestheater nach seiner preisgekrönten Inszenierung von Sartres „Die schmutzigen Hände“, nach Sophokles‘ „Antigone“ und nach Tom Lanoyes Klassikeradaption „Mamma Medea“. Jetzt also der Blick in den deutschen Arbeitsalltag des 21. Jahrhunderts.

Charlie Chaplin hat 1936 in seinem grandiosen Film „Moderne Zeiten“ von Fabrikarbeitern erzählt, deren Lebenstakt von Maschinen vorgegeben wird. So viel anders ist das in „Warteraum Zukunft“ nicht.

Ausstatterin Simone Steinhorst hat sich für eine ungewöhnliche Bühnenlösung entschieden: Die Spielfläche wird von Bürotischen begrenzt, die auch als Laufsteg genutzt werden. Die Zuschauer können daran Platz nehmen, sind dann ganz nah am Geschehen. Im Hintergrund stehen vor einer Videoleinwand, die das Geschehen live überträgt, einige rot-schwarze Bürostühle auf einem nüchtern-weißen Podest. Oben thront der Chef, unten müht sich Daniel Puttkamer ab und redet sich seinen Frust von der Seele. Es ist die Wut eines Ohnmächtigen, eines Mannes, der sich mit dem System arrangiert hat, der von der Karriere träumt, ihr alles unterordnet.

Alle tragen den Bürodresscode, bestehend aus grauen Anzügen oder Business-Kostümen, weißen Hemden, und Krawatten, der eines signalisiert: Ihr seid alle austauschbar, jederzeit.

Außer Daniel Puttkamer (Tobis M. Walter) hat auch keiner einen Namen. Sie heißen der Alte oder Herr Soundso und Frau Soundso, gespielt werden sie von Thomas Huth, Daniel Sempf, Jürgen Helmut Keuchel, Julia Glasewald und Uta Eisold, die erstmals seit ihrer schweren Erkrankung wieder auf der Bühne des Landestheaters steht. Außer Tobias M. Walter springen alle permanent zwischen verschiedensten Rollen, sind Kollegen, Vater, Chef, Sekretärin, Ex-Freundin. Für den Zuschauer ist es oft schwer, sie auseinanderzuhalten, weil sie keine Charaktere sind sondern nur austauschbare Typen.

In etwa 75 Minuten prügelt Rößler seine Darsteller und das Publikum durch das Stück. Es hat witzige Momente, ist in Teilen sehr genau beobachtet, in vielen Momenten aber auch enervierend, weil Kluck im bloßen Abbild stecken bleibt. Und während sich Puttkamer über sein verpfuschtes Leben ärgert, muss einer richtig malochen: Statist Mario Damm hält auf dem Laufband den Laden zusammen. Da wäre er wieder, der Arbeiter aus Moderne Zeiten.

von Uwe Badouin

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