Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Wenn der Reichstag brennt

OP-Buchtipp Wenn der Reichstag brennt

In Volker Kutschers neuem Krimi muss Gereon Rath nicht nur eine verwickelte Mordserie aufklären. Er gerät auch zwischen die Mühlsteine der Politik. Seit kurzem sind die Nazis an der Macht.

Voriger Artikel
Wenn Rocker Schlager singen müssen
Nächster Artikel
Mode ist Hollywood, Punk der Herzschlag

Volker Kutscher setzt neue Maßstäbe im Genre des historischen Krimis.

Quelle: Kiepenheuer & Witsch

Marburg. Spree-Athen und Spree-Chicago, Beinamen, die das schillernde Berlin der Weimarer Republik bestens beschreiben. Berlin, einerseits Schmelztiegel und Versuchslabor der Moderne, andererseits Stadt der Armut, des organisierten Verbrechens und der politischen Umstürze. Diese ambivalente Welt des Aufbruchs und Verfalls nutzt Volker Kutscher in seinen Krimis um Kommissar Gereon Rath.

Hatte der Autor in den vorherigen Bänden, beginnend mit dem Jahr 1929, zunächst den Niedergang der Weimarer Republik als historischen Hintergrund gewählt, so überschreitet er nun eine epochale Grenze. Sein neues Buch „Märzgefallene“ setzt unmittelbar nach der Machtergreifung Hitlers im Februar 1933 ein. Die vielfach ausgezeichneten historischen Kriminalromane mit Gereon Rath sind Bestseller und Pageturner.

Volker Kutscher (Foto: Monika Sandel) setzt seit Jahren in dem Genre neue Maßstäbe. Inzwischen wollen ARD und Sky aus seinen Büchern eine TV-Serie machen. Der Kölner Autor hat sich zum Ziel gesetzt, die wohl fürchterlichste Zäsur in der deutschen Geschichte romanhaft zu verarbeiten. Während die Krimihandlung etwas in den Hintergrund tritt, werden das Lebensgefühl und die politischen Entwicklungen mit großer Detailkenntnis nachgezeichnet.

Ende Februar 1933 steht der Reichstag in Flammen, angeblich ein Anschlag der Kommunisten nach Lesart der braunen Machthaber. Der neue Polizeipräsident Berlins, ein Nazi, ordnet den Polizeiapparat neu und besetzt Schlüsselpositionen mit Parteigenossen. Nachdem Raths Vorgesetzter Wilhelm Böhm als unbequemer Geist kaltgestellt worden ist, übernimmt Rath Böhms letzten Fall, den Mord an einem Obdachlosen, dem weitere Tote folgen.

Der Kommissar entdeckt eine Mordserie, deren Vorgeschichte die gerade veröffentlichten Weltkriegserinnerungen eines windigen Leutnants liefern. Ein geheimes Golddepot, das dessen Einheit 1917 unterschlagen hatte, führt 16 Jahre später dazu, dass nach und nach alle Mitwisser beseitigt werden. Zur Aufklärung kommt Rath aber zunächst nicht, denn er wird nach dem Reichstagsbrand und der einsetzenden Kommunistenhatz der politischen Polizei zugeordnet und gerät beruflich wie privat zwischen die Mühlsteine der Politik: Seine Freundin Charlie, eine Antifaschistin, ist mit seiner unpolitischen Haltung keineswegs einverstanden.

Nur wenige nehmen braunen Spuk ernst

Volker Kutscher fügt in seinem komplexen Roman viele Episoden gekonnt zu einer Gesamtgeschichte zusammen, ohne dass es für den Leser langweilig oder verwirrend wird. Es gelingt ihm meisterhaft, das Ende der Republik und den Beginn der Diktatur aus dem Blickwinkel der Zeitgenossen zu schildern.

Neben fanatischen Nazis gibt es konservative Patrioten, die auf einen neuen Aufstieg Deutschlands hoffen. Daneben aber auch erklärte Gegner der Nationalsozialisten und Menschen wie Rath, die glauben, der braune Spuk gehe bald wieder zu Ende. Nur wenige Hellsichtige ahnen, wie die wirkliche Zukunft aussehen wird, darunter der damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, der ein kurzes Gastspiel im Roman gibt und konstatiert: „Hitler hätte man mit Jewalt entjejentreten müssen, schon vor einem Jahr. Nu isset zu spät.“

  • Volker Kutscher: „Märzgefallene“, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 608 Seiten, 19,99 Euro.

von Sibylle Peine

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr