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Wenn der Erfolg zum Fluch wird

Hessisches Landestheater Marburg Wenn der Erfolg zum Fluch wird

Zwischen den Jahren bricht das Hessische Landestheater auf zu einer großen Gastspielreise mit der „Dreigroschenoper“ in die Schweiz. Das bedeutet: In Marburg geht in dieser Zeit am Theater nichts.

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Sonka Vogt(von links) als Polly, Ogün Derendeli als Polizeichef Brown und Oda Zuschneid als Mackie Messer in einer Szene der „Dreigroschenoper“.

Quelle: Ramon Haindls

Marburg. In den kommenden Wochen zeigt sich, wie sehr das Team des Hessischen Landestheaters Marburg auf Kante genäht ist. Kurz nach Weihnachten, am 28. Dezember, bricht morgens um 7 Uhr ein Tross von 42 Darstellern, Musikern, Statisten, Mitarbeitern aus der Requisite und von der Kostümabteilung auf in Richtung Schweiz. In Winterthur werden sie schon von Technikern erwartet, die bereits am 26. Dezember aufbrechen werden, um die große Bühne, das Licht und die Tontechnik für Brechts „Dreigroschenoper“ zu installieren.

Bis zum 2. Januar stehen fünf Vorstellungen des populären Klassikers auf dem Programm. Die Inszenierung des Intendanten Matthias Faltz ist die aufwändigste und sicher eine der besten Produktionen der laufenden Spielzeit des Hessischen Landestheaters.

Gleich nach der Abendvorstellung am 2. Januar geht es für die künstlerischen Abteilungen zurück nach Marburg, einen Tag später folgen die Techniker. Es ist ein hartes Brot für alle Beteiligten.

Für das Landestheater bedeutet der Abstecher nach Winterthur, wo das Marburger Theater schon zum zweiten Mal gastiert, „gesicherte und vernünftige Einnahmen“, wie Verwaltungschef Dieter Dreßen betont.

Für die Marburger bedeutet es: theaterlose Zeit. Zwischen den Jahren wird nicht gespielt, auch das beliebte Silvesterprogramm fällt aus. Und weil danach zumindest ein kleiner Freizeitausgleich fällig wird, ist in Marburg erst am 11. Januar wieder Theater zu sehen. Geprobt wird allerdings wieder ab dem 7. Januar.

Diese wenigen Tage sind angesichts der enorm hohen Zahl von Überstunden in den technischen Abteilungen nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn die technischen Abteilungen des Theaters sind vergleichsweise dünn besetzt, bestätigt Dreßen.

Es ist ein Teufelskreis: Techniker sind nicht nur bei Aufführungen nötig sondern auch bei den vielen Proben für neue Stücke oder für Wiederaufnahmen. Da fallen ohnehin permanent Überstunden an. Zudem könnten krankheitsbedingte Ausfälle nicht kompensiert werden, das Theater müsste vergleichsweise teurere Aushilfen einkaufen. das belaste wiederum den Etat, so Dreßen. Er betont: „Wir brauchen dringend Beleuchter und Bühnentechniker.“ Die stellvertretende Intendantin Dr. Christine Tretow sprach gegenüber der OP einmal von vier bis fünf weiteren Mitarbeitern in der technischen Abteilung, die unbedingt nötig seien.

Der Etat von rund 3,4 Millionen Euro sieht dies nicht vor: 1,77 Millionen Euro davon überweist das Land, 1,26 Millionen Euro die Stadt. Den Rest erwirtschaftet das Theater selbst. Land und Stadt müssten sich bereiterklären, zusätzliche Stellen zu finanzieren, sagt Dreßen, der aber auch stets betont, dass sich die beiden Gesellschafter stark für das Marburger Theater einsetzen.

Der Freizeitausgleich für das technische Personal am Landestheater ist überfällig. Das ist allen Beteiligten klar. Doch wie baut man Überstunden ab in einem Betrieb, in dem regelmäßig Überstunden anfallen? Indem man weniger spielt und weniger probt, also das Angebot reduziert - auch wenn Dreßen erklärt: „Wir versuchen zu vermeiden, weniger zu spielen.“

Schon heute ist es so, dass am Marburger Stammsitz des Landestheaters nicht gespielt werden kann, wenn eine Großproduktion wie die „Dreigroschenoper“ auf Gastspielreise geht. Es sind aber in der Regel die großen Produktionen, die von Gastspielorten gebucht werden: 37 Gastspiele hat das Landestheater allein in der Spielzeit 2012/13 verkauft: „Die Dreigroschenoper“, „Macbeth“, „Des Kaisers neue Kleider“, „Der Revisor“, „Mamma Medea“, „Der Goldene Drache“ - sie alle gehen auf Reisen. Der eigene Erfolg wird so ein Stück weit zum Fluch. Damit der Hauptsitz des Theaters nicht Stück für Stück verwaist, muss also eine Lösung her, die Theaterbesuchern und Ensemble gerecht wird.

von Uwe Badouin

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