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Wenn Rocker Schlager singen müssen

Band Overback Wenn Rocker Schlager singen müssen

Kult und keine Ende: Overback hätte wohl auch vier Konzerte geben können, und die Waggonhalle wäre jedes Mal voll gewesen. Die genial arrangierten Coversongs und eigene Lieder begeistern die Fans der Band.

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Die Band Overback feierte an zwei Abenden in der Waggonhalle ihre Volljährigkeit. Mit dabei waren (von links) Dennis Wutzke, Robert Oberbeck, Rainer Husel, als Gast Karl-Heinz Sommer, Burkhard zur Nieden und Wolf Peterhoff.

Quelle: Manfred Schubert

Marburg. Die Musiker selbst waren skeptisch gewesen, die Veranstalter von der Waggonhalle nicht. Nachdem im vorigen November viele vor dem ausverkauften Saal abgewiesen werden mussten, war diesmal ein Doppelkonzert am Freitag und Samstag angesetzt worden. Zu feiern gab es die „Volljährigkeit“ der Band sowie den wenige Wochen zurückliegenden 60. Geburtstag ihres Frontmanns Rainer Husel. Und wieder waren bereits acht Tage vor dem Konzert alle 340 Karten restlos weg.

Als Husel, der gewohnt schlagfertig moderierte und vor dessen ironischen Bemerkungen weder seine Kollegen noch das Publikum oder er selbst verschont blieben, nachfragte, meldeten sich drei Besucher, die beide Konzerte besuchen wollten. Zu Recht, denn bei Overback ist kein Konzert wie das andere. So wiederholten sich nur wenige Titel während der jeweils etwa dreieinhalbstündigen Auftritte. Selbst die Musiker wissen vorher nicht, was sie im Laufe des Konzerts aus dem reichhaltigen Repertoire abrufen werden.

Analoge Klänge überraschen Zuhörer

Das entscheidet Husel spontan, je nach Stimmung oder auch auf Zuruf aus dem stets munter kommunizierenden Publikum. Aber los ging es erst einmal unplugged mit „Drift Away“ von Dobie Gray, „The Weight“ von The Band und „Boys of Summer“ von Don Henley. Bei den späteren Stücken konnte Burkhard zur Nieden dank eines kollegialen Musikers diesmal mit original Hammondorgel-Sound aufwarten.

Rainer Pohl vom Hinterland Jazz Orchestra, das am Sonntag in der Waggonhalle auftrat, hatte in der OP über Overbacks Auftritt gelesen und sein 50 Jahre altes gutes Stück, das dank Röhrentechnik, gusseisernen Tonabnehmern und Zahnrädern 200 Kilogramm wiegt, samt Leslie-Box mit rotierenden Lautsprechern vorab zur Verfügung gestellt. Manch ein Zuhörer wunderte sich über die ungewohnten, analog erzeugten schwebenden Klänge.

Unverändert dagegen sind die immer wieder tollen dreistimmigen Arrangements der charakteristischen Solostimmen von Husel, Robert Oberbeck und Wolf Peterhoff, beispielsweise bei Stings „Fields Of Gold“, das Husel nicht ganz zu Unrecht mit den Worten „Die schönste Version davon hört ihr jetzt“ ankündigte. Unterschiedlich wurden die beiden Abende auch durch Gastauftritte.

Am Samstag verstärkte eine Gitarrenschülerin Husels die Band mit ihrer kraftvoll-souligen Stimme. Am Freitag war es jemand, der schon zur Urbesetzung des legendären Marburger Hammerorchesters gehörte. Karl-Heinz Sommer, zudem Vermieter von Rainer Husel, verstärkte die Gitarrensektion bei „Wonderful Tonight“, „Lay Down Sally“ von Eric Clapton und „Summer Of 69“ von Bryan Adams.

Husel versus Helene

Er war aber nochmals gefragt, nachdem mit „Sweet Dreams“ von den Eurythmics das offiziell letzte Stück, inklusive bombastischer Vorstellung aller Musiker, verklungen war. Inzwischen hatte sich ein Teil des Publikums darauf verlegt, „Atemlos“ von Helene Fischer als Zugabe zu fordern. Husel weigerte sich zunächst, aber auch sein Hinweis, dass drei von fünf Bandmitgliedern als Bildungsbürger und Deutschlandfunkhörer das Lied nicht einmal kennen würden, fruchtete nicht.

Denn Karl-Heinz Sommer kannte es und konnte es spielen. Nachdem er den anderen schnell die Griffe erklärt hatte, sang er den Schlager mit einer Powerstimme, die das fröhlich mitsingende Publikum begeisterte und die Fischer vor Neid hätte erblassen lassen. Es war ein Riesenspaß, auch wenn Husel hinterher behauptete, nun alle Selbstachtung verloren zu haben.

Viele Besucher hatten sich gewundert, warum der Saal bestuhlt war. Husel hatte ironisch auf das Durchschnittsalter des Publikums und die angeblich belegten Rollatorparkplätze vor der Halle hingewiesen, aber es wurden Rufe nach einen Open-Air-Konzert im nächsten Jahr laut. Man darf gespannt sein, wie die Nachfrage 2015 befriedigt werden wird, die nach diesem Doppelkonzert sicher nicht geringer werden dürfte.

von Manfred Schubert

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