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Wenn Marx Luther die Leviten liest

Open-Air-Spektakel "Wir sind Luther" Wenn Marx Luther die Leviten liest

Tanzende und singende Reformatoren, ein schriller Ablasshändler des Papstes, ein Weinfass als Kanzel: Trotz einiger Längen ist „Wir sind Luther“ ein über weite Strecken freches, kabarettistisches Vergnügen.

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In „Wir sind Luther“ schlüpfen neun Darsteller in die Rolle des Reformators, der sich mit Karl Marx und Teufeln herumschlagen muss.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Hat man erst einmal den etwas belehrenden Einstieg in „Wir sind Luther“ überstanden, wird man als Zuschauer von Autor und Regisseur Marc Becker und seinem ausgesprochen spielfreudigen Ensemble mit einer frechen und zum Ende hin sehr unterhaltsamen und streitbaren Luther-Revue belohnt.

Man merkt dem Stück an, dass Marc Becker für seine Auftragsarbeit viel gelesen hat. Mehr als 30 Bücher über Luther und Konsorten hat er gewälzt, Bücher über Luther, über das Mittelalter und die Neuzeit, über Dreck, Elend und Aberglaube, über brennende Hexen, über Gottesglaube und Teufelsangst, über Bier und Wein, die die Menschen bei Laune hielten. Und offensichtlich über die Psychoanalyse.

Denn Becker ist bei seinem Studium des Reformators zu dem Schluss gelangt, dass Martin Luther „eine sehr, sehr ambivalente Persönlichkeit war“, also ein gespaltener, in sich zerrissener Charakter. Sein Schluss: Er schickt gleich neun Luthers in glänzenden Mönchskutten auf die Bühne, die Harm Najer vor dem Rathaus mit großen Kreuzen, einer großen Holzbibel und einem Weinfass als Kanzel hat errichten lassen. Diese neun Luthers sind sich nie ganz einig, selbst wenn sie im Chor sprechen.

Kein klassisches Drama

Manche Luthers sind großspurig, manche vorlaut, andere schüchtern und ängstlich, manche depressiv, manche euphorisch, der eine ist Marketinggenie, andere träumen von Sex, wollen raus aus dem keuschen Kloster. „Tralali, tralala, sind wird nicht alle ein bisschen bipolar“, heißt es im Text. Und alle Luthers zusammen werden betend, singend und fluchend die Welt aus den Angeln heben, ohne so recht zu wissen, wieso und warum. Denn eigentlich ist dieser Luther ja nur wütend auf den berüchtigten Ablasshändler Johann Tetzel, der im Auftrag des Papstes den tumben Deutschen das Geld für ihr Seelenheil aus dem Beutel zieht. Und wer den feisten Burschen und seine teuflische Begleitung in knallroten Stöckelschuhen auf der Bühne herumstolzieren sieht, der kann den kleinen, wütenden Mönch gut verstehen.

Becker will die Lebensgeschichte Luthers nacherzählen, beginnend bei seinem prügelnden, herrischen Vater, der für seinen Sohn, der als Playmobil-Figur auftritt, eine Juristenkarriere vorgesehen hat. Ein Unwetter mit Blitz und Donner treibt den jungen Luther aber ins Kloster, aus dem er nach mehreren Jahren flieht - auch weil er sich mit der Enthaltsamkeit recht schwer tut. Kaum aus dem Kloster raus, verwandelt sich der Asket in einen Genuss­menschen.

Ein Drama im klassischen Sinne mit verschiedenen Charakteren und Dialogen ist Marc Beckers „Wir sind Luther“ nicht. Becker hat sich für eine kabarettistische Revue entschieden mit vielen historischen und philosophischen Exkursen und satirischen Seitenhieben auf Luther und das heutige und damalige Luther-Marketing.

In kleinen Szenen entern Teufel, die Hieronymus-Bosch-Bildern entsprungen zu sein scheinen, die Bühne. Bosch hat wie kein anderer die Teufelsangst seiner Zeit abgebildet. Oder verarmte wütende Bauern steigen aus der Tiefe der Bühne hervor und werden von Luther verprügelt und verdammt.

Derbe Sprache

Becker beleuchtet beide Seiten des Reformators: Die des Weltveränderers ebenso wie die des Juden- und Bauernhassers.

Einer der Höhepunkte des Stückes ist ein urkomisches Treffen zwischen Luther, dem Reformator, und Marx, dem revolutionären Philosophen, der sich im Streit über Verteilungsgerechtigkeit - großartig Lisa-Marie Gerl mit erhobener kleiner Faust - schließlich als Gott ausgibt, von den vielen Luthers aber entlarvt und von der Bühne geworfen wird: Er solle sich in sein Jahrhundert „verpissen“. Ja, Luther liebte die derbe Sprache, hatte dem Volk aufs Maul geschaut.

Freche Songs, souverän gespielt und gesungen von einer vierköpfigen Band und den Ensemblemitgliedern, runden die Revue ab, die einen Luther zeigt, wie ihn wohl die wenigsten erwarten würden - er wirkt so gar nicht wie eine ehrwürdige Legende, die das Mittelalter erschütterte.

Weitere Vorstellungen sind am Freitag, 9. Juni, am 10., 11. (Benefizvorstellung der Oberhessischen Presse), 13., 14., 15., 16., 17., 23., 24. und 25. Juni jeweils um 21 Uhr. Für alle Vorstellungen gibt es noch Karten.

von Uwe Badouin

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