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Wenn Bildung zur Tragödie wird

Theater Philippinum Wenn Bildung zur Tragödie wird

Schule kann toll sein, wirft aber auch viele Fragen auf. Die Theater-AG des Philippinums nutzte ­Goethes „Faust“ auch zur Auseinandersetzung mit dem Bildungssystem.

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Viele Mephistos in Rot treffen auf viele Fausts. Die Tragödie wird als Teil des deutschen Bildungskanons zum Symbol für die Auseinandersetzung mit dem Bildungssystem.Foto: Nigar Ghasimi

Marburg. Unter der Anleitung des Deutsch- und Philosophielehrers Sebastian Gerber entwickelte die Theater-AG des Gymnasiums Philippinum eine sehr eigenständige „Faust“-Version: Auf originelle Weise arbeitete die Gruppe Reflexionen in die Tragödie ein, die zum deutschen Bildungskanon gehört. Am Dienstag und Mittwoch war das Stück unter dem Titel „Faust, eine Bildungstragödie“ im Kultidrom der Schule zu sehen.

Eine gelungene Auswahl an Szenen gab Einblick in „der Tragödie erster Teil“ und diente zugleich als sinnvolle Basis, um Botschaften zu transportieren - etwa dass Bildung Herzensbildung sein müsse, um als wahre Bildung empfunden werden zu können.

Die Figuren Faust und Mephisto wurden von mehreren Personen gespielt, die meist als Gruppe auftraten. Damit betonte die Inszenierung die Vielschichtigkeit der Protagonisten.

Das Stück ließ sich durchaus als kritische, künstlerische Auseinandersetzung mit dem Bildungssystem betrachten.

Vor allem mit den persönlichen Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler.

Trotz aller Einfachheit wurde mit verschiedenen Stilmitteln gespielt: von Standbildern, in denen die Gruppen Faust und Mephistopheles samt Reclamheften posierten, bis hin zu Brüchen durch die Musik, die ein breites Spektrum vom klassischen Streichensemble bis zu Gloria Gaynors „I will survive“ abdeckten. Spannend waren die Intermezzi in die Realität der Oberstufenschüler, in denen alles Mögliche hinterfragt und beurteilt wurde.

Mit selbst entwickelten Szenen wurden die Folgen von Globalisierung und Kapitalismus ebenso in den Fokus gerückt, wie christliche Traditionen, die als Vorwand benutzt würden, um sich ein ruhiges Gewissen zu „erglauben“.

Hinzu kam ein überaus kritischer Umgang mit Schule. Diese sollte sich nicht nur darauf stützen, Ergebnisse zu produzieren, sondern sollte Prozesse bei den Schülern in Gang bringen. In Schule gehe es um Neugierde, um Förderung des Wissensdurstes. Eben darum, den Sinn der Welt zu erfassen und nicht um das Abarbeiten der von Lehrern aufgestellten Prioritäten oder darum zu beweisen, wie disziplinierbar man ist.

Auch Faust selbst wurde hinterfragt. Sowohl als Person, die zwar als Denker und Forscher in einer Linie mit Galileo Galilei oder Bruno Giordano zu stehen vermag, als auch als Selbstzerstörer, der die Frage aufwirft, ob es dem Suchenden bestimmt ist, sich selbst zugrunde zu richten.

Die Diskussionen der Schülerinnen und Schüler spiegelten sich auch im Bühnenbild. So wie sie nach dem Wesentlichen im Leben suchen und versuchen, dies im Schulalltag zu finden, so war auch das Bühnenbild puristisch und auf das Wesentliche reduziert. Die Bühne war in schlichtem Schwarz und Weiß gehalten und konnte auf mehreren Ebenen bespielt werden. Einzig weiße Stühle wurden als bewegliche Teile verwendet.

Ähnlich wurde auch mit Kostümen und Maske umgegangen. Hier dominierte das Farbenspiel. Die Figuren, die Mephisto darstellten, waren in grellrote Overalls gekleidet, hatten diabolisch geschminkte Gesichtszüge. Die Gruppe, die Faust darstellte, wirkte in klassischem Schwarz-Weiß mit strengen Frisuren im Vergleich zum verführerischen Mephisto statisch.

Das Engagement der jungen Darsteller war bemerkenswert. Mit vollem Körpereinsatz und geübter Artikulation füllte jeder einzelne seine Rolle so gut aus, dass die 70 Minuten wie im Flug vorübergingen. Und sie machten deutlich, was sie in der Schule vermissen: Spaß am Leben, Spaß am Lernen.

von Nigar Ghasimi

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