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Weltliteratur in ganz neuem Licht

Henni Nachtsheim und Rick Kavanian Weltliteratur in ganz neuem Licht

Wenn zwei Komiker wie Henni Nachtsheim und Rick Kavanian gemeinsam auf der Bühne stehen und „Lolita“ oder den „Werther“ vorstellen, dann ist klar: Es kann nicht ernst gemeint sein.

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Dollbohrer-Autor und Badesalz-Komiker Henni Nachtsheim (oben) gibt die Richtung vor. Sein Kollege Rick Kavanian gibt den Texten genau die richtige Dialekt-Note – von Baden bis Bangalore.Fotos: Bosch

Quelle: Jan Bosch - www.janbosch.de

Marburg. „Eine Lesung, bäääh, wenn ich allein das Wort höre, wird mir schlecht!“, wehrt Henni Nachtsheim den Vorschlag seines Agenten ab. Der wirft ein, dass viele Autoren nach der Lesereihe Millionen verdient hätten. „Ich hab total Bock, wann soll das sein?“ Sechshundert Menschen in der Marburger Stadthalle bekommen am Donnerstagabend den ersten Lachanfall des Abends.

Badesalz-Star Henni Nachtsheim hat ein Buch geschrieben. Weltliteratur! Also eigentlich auch ein wissenschaftliches Buch, da sich der Inhalt auf alte Schriftrollen stützt, die bei einer archäologischen Grabung nahe Darmstadt kürzlich gefunden wurden. Unveröffentlichte Kapitel der Weltliteratur. Die Bibel, Frankenstein, Werther - alles dabei!

Und des Guten nicht genug, hat Nachtsheim Verstärkung mitgebracht. Komiker Rick Kavanian, bekannt aus der Bully Parade oder dem Schuh des Manitu, Profi für die Interpretation sämtlicher Dialekte von Baden bis Bangalore, unterstützt Nachtsheim tatkräftig. Um die Dramaturgie ins Unermessliche zu steigern, spielt Musiker-Kollege Martin Johnson auf dem Keyboard Themen aus Filmmusiken und schlüpft in die ein oder andere Rolle. Meist hält er sich jedoch den Bauch vor Lachen, denn was von den zwei Tablets vor ihm vorgelesen wird, ist richtig witzig.

Zwerchfellkrämpfe

„Dieser Abend wird für sie einschneidend“, warnt Nachtsheim seine Zuschauer. „Ihr gesamtes literarisches Wissen ist danach - gelinde gesagt - im Arsch!“

Bei der Teilung des roten Meeres erhält der verblüffte Moses eine saftige Rechnung eines kleinen Blaumanns, dessen findiger Chef gerade ein profitables Geschäftsmodell mit dem notdurftbedingten Bedarf mobiler Sanitäreinrichtungen auf Massenkreuzigungen entwickelt.

Wussten sie schon, dass der Herr der Ringe in einem hessischen Baumarkt spielt? Ja, das legendäre „Quidditch“-Spiel aus Harry Potter hieß eigentlich IschkrieDisch und hatte ganz andere Spielregeln!

Die Spaßmacher tauchen mit den Zuschauern, deren Zwerchfellkrämpfe im Laufe des Abends immer heftiger werden, tiefer und tiefer in die Weltliteratur ein. Werther leidet aus ganz anderen Gründen und Dracula hat eigentlich einen Scheiß-Job auf dieser blöden Burg. Und das olle Kloster in Eberbach, brannte im Namen der Rose wegen einer fetten Motte ab.Welch ein Glück für die Menschheit, dass die Schriftrollen aus feinem Pergament im Handkäszimmer bei Darmstadt gefunden wurden.

Das ist übrigens weitaus älter als das Bernsteinzimmer und wird sicherlich bald zu besichtigen sein - den Fotos nach mit Nasenklammer. Das Publikum biegt sich vor Lachen. Das komische Dreigestirn auf der Bühne ist nach zwei Stunden Bauchmuskeltraining auch am Ende.

Bei der zweiten Zugabe verschwimmen Kavanians Identitäten. Holland, Indien, Hessen, China - ein wilder, unkontrollierter Mix sorgt bei den drei Komikern immer wieder für minutenlange Aussetzer. Ist doch schön, wenn man über sich selbst noch lachen kann!

Henni Nachtsheim: „Dollbohrer“, Knaus & KO-Verlag, 220 Seiten, 14,99 Euro.

von Jan Bosch

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