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Weit mehr als bauchige Korbflaschen

OP-Buchtipp: Elena Kostioukovitch: „Italia! ...“ Weit mehr als bauchige Korbflaschen

Rezeptbücher, die uns „die italienische Küche“ näherbringen sollen, gibt es in den Buchhandlungsregalen meterweise.

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„Italia!“ ist eine opulente Kulturgeschichte der italienischen Regionalküchen.

Quelle: Archiv

Wer sich durch diese Bücher arbeitet, soll lernen, wie man die beste Bolognese-Sauce zubereitet, den knusprigsten Pizzateig fabriziert oder am gekonntesten Artischocken zerlegt. Allein: DIE italienische Küche gibt es nicht, es gibt sie genauso wenig wie DIE indische oder DIE deutsche Küche.

Fortgeschrittene Liebhaber italienischen Lebensgefühls suchen nach regionalen Spezialitäten, finden entsprechende Rezepte und fragen sich beim Kochen oder spätestens beim Essen: Wie authentisch ist das denn nun? Authentisch, nun, das ist ein Teller voll Pasta e Fagioli, den man an einem der letzten warmen Herbsttage irgendwo im Veneto in einer Dorf-Trattoria vorgesetzt bekommt – mit Weißbrot zum Tunken und Weißwein zum Trinken. Authentisch, das sind im Ofen zubereitete Pizzoccheri mit Knoblauch, Salbei und geschmolzenem Käse, nach einer Winterwanderung irgendwo im Valtellina.

Zumindest gedanklich nimmt Elena Kostioukovitch ihre Leserinnen und Leser mit in die entlegensten Winkel zwischen dem Friaul und Sizilien. Achtung: „Italia!“ ist kein Rezeptbuch, sondern ein gastronomisch-lukullisch-geografisch-philosophisch-literarisches Kompendium –  ein herrlicher Lesespaß für Menschen, die die italienische Esskultur wirklich mit allen Sinnen begreifen wollen.

Intelligent-unterhaltsamer Exkurs

Kein geringerer als Umberto Eco steuert das Vorwort zu dem gut 500 Seiten umfassenden Band bei. Und wenn ein Autor wie Eco ein Vorwort schreiben soll, kommt natürlich ein geistreicher Essay dabei heraus, der sich zum Beispiel der Frage widmet: Was macht einen Gourmet aus? Ein Gourmet sei nicht, wer sich freue, wenn er einen exzellenten Canard à l‘orange vorgesetzt bekomme – einer dagegen, der Hunderte von Kilometern fahre, um ein bestimmtes Restaurant zu besuchen, in dem es den besten Canard à l‘orange der Welt gibt, falle schon eher in die Kategorie des Gourmets.

Elena Kostioukovitch – sie ist im übrigen Ecos russische Übersetzerin – kennt nicht nur jede Stielkasserolle zwischen Triest und Palermo, sie hat sich auch mit den kulturellen Eigenheiten ganz Italiens akribisch beschäftigt. So kann sie etwa höchst detailliert über die Traditionen der Sagra berichten, jenen Volksfesten, meist zu Ehren eines lokalen Schutzheiligen. Ob dort dann Schweinebraten, Froschschenkel oder Esskastanien aufgetischt werden: Immer steht das Ritual kollektiven Essens im Mittelpunkt.

Der Wettstreit um das beste Olivenöl, die Segnungen der italienischen Slowfood-Bewegung oder die große Kulturgeschichte der Pastagerichte – in „Italia!“ wird aus dem bloßen Umgang mit Lebensmitteln ein intelligent-unterhaltsamer Exkurs in die Geschichte einer bunt gemischten Kultur, die weit mehr zu bieten hat als rotweißkarierte Tischdecken und bauchige Korbflaschen.

Auch wenn Elena Kostioukovitch manchmal etwas zu weitschweifig ins Dozieren gerät – letztlich geht es darum, was Bauch und Seele brauchen: gutes Essen. Oder wie es der neapolitanische Dichter Gennaro Quaranta auf Seite 245 sagen darf:

Doch hätt‘st du geliebt die Makkaroni
mehr als die Bücher, die dich nur verdüstern,
dann hättest du nicht so bitter gelitten.
Und umgeben von fülligen Frohnaturen
wärest du fröhlich geblieben wohl gar
bis neunzig oder auch hundert Jahr.

  • Elena Kostioukovitch: „Italia! - Die Italiener und ihre Leidenschaft für das Essen“, S. Fischer, 552 Seiten, 24,99 Euro.

von Carsten Beckmann

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