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Weg mit dem Muff

„betreff:theater“ Weg mit dem Muff

Ein extrem frischer und unverstellter Vortrag ist das erneut sehenswerte Ergebnis beim aktuell 
aufgeführten Stück 
„Biografie: Ein Spiel“ 
der Laien-Theatergruppe „betreff:theater“.

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Hannes Kürmann (David Brehm) darf Stationen seines Lebens neu erleben. Doch alte Gewohnheiten halten ihn immer wieder zurück.

Quelle: Wolfgang Dietz

Marburg. Eine neue Inszenierung der freien Marburger Theatergruppe „betreff:theater“: Insider wissen, das verspricht auch dieses Mal Herzblut-Theater und pure Lust am Spiel. Die nunmehr in ihrem achten Jahr mit wechselnden Besetzungen agierende Laien-Gruppe bringt mit „Biografie: Das Spiel“ von Max Frisch bereits das 18. Stück auf die Bühne.

„Selten habe ich mich so auf die zweite Hälfte nach der Pause gefreut“, sagt eine Zuschauerin nach der Vorstellung. Ein großartiger Erfolg also, nicht zuletzt auch auf Grund des mit großem Bedacht und sehr kreativ neu angerührten Stoffes von Max Frisch. „Wir machen das, weil wir es machen wollen“, sagt Maria Werner unaufgeregt. Erstmals hat sie selbst die Regiearbeit für eine Aufführung übernommen.

Originell, experimentell – und unbequem

Das Bühnenstück „Biografie: Das Spiel“ wirft viele Fragen auf: Welches Spiel? Was, wenn wir Stationen unseres Lebens noch einmal von vorn beginnen könnten, tatsächlich die Möglichkeit der Variante bestünde? Wären wir fähig, etwas zu verändern? Könnten und würden wir Entscheidungen treffen, die unseren Lebenslauf tatsächlich nachhaltig in ganz andere Bahnen lenken?

Der Stoff ist äußerst originell und experimentell – aber auch unbequem. Vielleicht und gerade auch wegen des nur vordergründig komödiantisch kalibrierten Szenengeflechts. Dem Zuschauer entsteht zumindest ein Nachhall, mit dem er so zunächst nicht rechnet.

Zentrale Figur des Stückes ist Hannes Kürmann, ein totkranker Verhaltensforscher, der die Möglichkeit erhält, Schlüsselszenen seines Lebens noch einmal zu beginnen.

Flucht vor der Frau, dem Leben und sich selbst

Zwei „Registratoren“ geleiten ihn und lassen ihm die Wahl, sich mit dem Wissen um die Zukunft zu den Ereignissen und Menschen anders zu verhalten und dadurch seine Biografie zu beeinflussen. Reflexartig versucht er, zu entfliehen: vor seiner Frau, vor seinem Leben, vor sich selbst. Es entsteht ein faszinierendes Vexierspiel von Neuanfängen und Abbrüchen, skurrilen Verkettungen und dichten, alptraumhaften Wiederholungen.

Es ist Max Frischs vielleicht leichthändigstes und originellstes, gegenwärtigstes Stück. Entworfen bereits 1967 und in abgeänderter Fassung 1984 neu vorgelegt, befreien es aktuell die Akteure des „betreff:theater“ magisch von jeglichem Muff der späten Sechziger.

So schafft im Spielverlauf schließlich der pure Wille allein auch keineswegs die ersehnte situative Kontrolle für Kürmann, den David Brehm auf der Bühne bemerkenswert sicher in die Moderne übersetzt. Seine kühle, eher undurchsichtige Frau Antoinette, pfeilgerade gespielt von Annabelle Behnke, wird letztlich die Unabhängige, weil Handelnde.

Herrliche Dialoge und energetische Wucht

Kürmann selbst gelingt die nachhaltige Haltungsänderung freilich nie. Er kann letztlich nur „Kürmann“. Wusste er zu Beginn noch genau, was anders zu machen sei, holen ihn die Gewohnheiten stets gnadenlos ein.

Muster der banalen Biografie werden deutlich, die sich auf der Bühne in überraschenden Überblendungen, herrlichen Dialogen und teils energetischer Wucht austoben. Wären wir also wirklich frei mit der anderen Entscheidung? Auch sich vorbildlich verhalten zu haben wird im Stück beileibe kein Wunschergebnis für Kürmann.

Noch zweimal gibt es die Gelegenheit, dieses kraftvolle und wunderbar unterhaltsame Spiel in der Waggonhalle zu sehen: am 16. Juni ab 19 Uhr mit anschließendem Public Viewing des EM-Spiels Deutschland gegen Polen und am 17. Juni ab 20 Uhr.

von Wolfgang Dietz

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