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„Was soll ich machen, der hieß so“

Alex Capus in der Waggonhalle „Was soll ich machen, der hieß so“

Nur zwei Stellen aus seinem neuen Roman hat Alex Capus bei der Lesung vorgelesen. Dafür unterhielt er die Besucher in der ausverkauften Waggonhalle mit allerlei Details über seine Helden

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Geduldig signierte der Schweizer Star-Autor Alex Capus in der Waggonhalle nach der Lesung seine Bücher.Foto: Mareike Bader

Marburg. Die Waggonhalle als Veranstaltungsort war passend gewählt. Alex Capus lebe heute in Olten, dem Eisenbahnknotenpunkt der Schweiz schlechthin, begrüßte Manfred Paulsen von der Buchhandlung Roter Stern am Montagabend den Schriftsteller, der nach 2011 zum zweiten Mal in Marburg zu Gast war.

In seinem neuen Roman „Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“ folgt Alex Capus seinen drei Helden, deren Wege sich im November 1924 in der Bahnhofshalle in Zürich gekreuzt haben.

Die ausgewählten Personen Emille Gilliéron, Laura d’Oriano und Felix Bloch gab es wirklich. „Ich als Schriftsteller habe auch nur die Bruchstücke zusammengetragen“, beteuerte er. „Einzig, ob sie sich tatsächlich wahrgenommen haben, ist nicht sicher“, so Capus.

Locker und ausführlich erzählte der in Frankreich geborene Schweizer von seinen Helden: Wie der pazifistische Jüngling Felix Bloch sich für das Studium der Atomphysik entschied, im festen Glauben, dieses Wissen könne nie für einen Krieg missbraucht werden.

Zuvor hatte er sich gegen das Berufsbild des Pfarrers entschieden, denn dieser könne ja als Feldpfarrer benutzt werden. Trotzdem half Bloch 1933 den USA beim Bau der Atombombe und zerbrach fast am ethischen Dilemma.

Alex Capus folgt seinen Helden aber nicht nur nach der Begegnung am Züricher Hauptbahnhof. Er kennt sie in- und auswendig. Am Montag erzählte er detailliert vom Vater Emille Gilliérons, der als Künstler wider Willen Ausgrabungen von Heinrich Schliemann zeichnet und nach dem korrektiven Gedächtnis der Menschen auf dem Papier vervollständigt.

Capus‘ Erzählstil gilt als faktentreues Träumen. Auf der Bühne agierte er entspannt und redete über seine Protagonisten als seien es alte Bekannte. Aber immer wieder blitzte sein verschmitzter, trockener Humor auf, der mit Capus‘ melodischer Stimme und dem Schweizer Akzent an Emil Steinberger erinnert.

Nach einer knappen Stunde las Capus die erste Stelle aus seinem neunten Roman vor und brachte mit seiner augenzwinkernden Beschreibung des konservativen Örtchens Villeneuve, Geburtsort von Emille Gilliérons Vater, das Publikum zum Lachen: „Mit 25 wurde geheiratet, mit 50 gestorben“.

Immer wieder beteuerte Alex Capus, dass er sich die Geschichten nicht ausgedacht habe. Als Capus von der Zusammenarbeit mit Schliemann berichtete, betonte er gleich: „Ich sag das noch einmal, ich hab mir das nicht aus den Fingern gesogen.“

Auch als er von der Hochzeit Lauras mit Emil Fraunholz erzählte, beschwichtigte er: „Was soll ich machen, der hieß so“, und zuckte dabei mit den Schultern. Und so machte Alex Capus aus seinen Helden wider Willen und ihrem Kampf mit dem Schicksal einen äußerst unterhaltsamen Abend.

Alex Capus: „Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer“, 288 Seiten, Carl Hanser Verlag, 19,99 Euro.

von Mareike Bader

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