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Geld regiert die Welt

Waggonhalle: Theaterstück zum Luther-Jahr Geld regiert die Welt

Wer zieht wo die Strippen? Wer ist Agitator, wer Spielball? Wenn sich Systeme, Mechanismen, Ordnungen, Lehren grundlegend verändern. Wenn alles zusammenfällt, wie sieht die Landung aus?

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In „Martin Luther und Thomas Münzer“ wird Luther (Cornelius Klein, links) zum Spielball der Mächtigen und erhält Erklärungen eines Politikberaters.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Anno 1514 bis 1525: „Was die Welt im Innersten zusammenhält... – das ist egal: Geld regiert die Welt!“ Mit diesem Satz aus dem Munde eines Politikberaters beginnt die Aufführung „Martin Luther und Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung“ in der Regie von Willi Schmidt und Annina Munk in der Waggonhalle. Dieses Stück von normalerweise neun Stunden und über 80 Szenen Umfang aus der Feder von Dieter Forte hat das Team der Waggonhalle auf gute zwei Stunden gekürzt.

Es entwirft ein Gesamtbild der Reformationszeit und tangiert somit neben Religion auch Politik, Wirtschaft, Justiz, Kultur, Bildung, Wissenschaft, Sprache, Schulwesen und ganz allgemein: Expansion von Macht um jeden Preis. Es ist eine scharfe Kritik an institutioneller Religion, Kapitalismus und dem großen ungewollten Reformationsführer und seiner Theologie. Im Lutherjahr wird dabei das Idol Martin Luther zum Spielball der Mächtigen, nicht nur des Kurfürsten und Kaisers, sondern insbesondere des Augsburger Kaufherrn Fugger.

Sechs Handlungsstränge

Luther richtete sich in einer seiner berühmtesten Reformationsschriften „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ 1520 unter anderem an den Papst: „Ein Christ ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem Untertan – durch den Glauben. Ein Christ ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan – durch 
die Liebe“. In der Marburger Inszenierung wird er zum willfährigen, zynischen, abergläubischen Opportunisten, an dem bis zum Schluss Selbstzweifel nagen.

Doch belässt es die Waggonhalle bei dieser Kooperation mit dem Evangelischen Dekanat Wetterau nicht bei einem historischen Stück, sondern legt dem Zuschauer die Relevanz und Aktualität des Stoffs mit einer modern gemachten Inszenierung auf die Hand. So wird das Bauernvolk, dessen Handlungsstrang das Team um Willi Schmidt und Annina Munk selbst erstellte, zur Bukowski lesenden, Joints rauchenden Putzkraft, zur hart arbeitenden Business-Frau, zum Busfahrer und zum Showgirl, die am Abend ihrer revolutionären Aufstände am Lagerfeuer sitzen und Sterne anschauen, während um sie herum Reformatoren streiten und auch die Obrigkeit in Aufruhr gerät.

Die Inszenierung besteht aus sechs ineinander verwobenen Handlungssträngen, wobei auf historische Zwischentexte verzichtet wird – alles ist in Szene gesetzt. Auch das Bühnenbild teilt sich in sechs Ebenen auf, wobei Kurfürst Friedrich von Sachsen (Jochen Schröder) mit seinen Beratern im Wohnzimmer mit Whiskey, der kunstliebende Papst (Julia Zacharias) am Strand, der durch Fugger zum Kaiser avancierende Neffe von Maximilian I. Karl 
(Lilith Roska und Marie-Theres Auer) im pinken Mädchenzimmer und Fugger (Charlotte Finger) mit seinen Sekretärinnen im vom Licht kühl beschienenen modernen Büro verortet sind.

Stimmig und detailverliebt

Zu Beginn der Handlung erkauft sich Albrecht von Brandenburg (Oliver Mirwaldt) bei den Fuggern das Erzbischoftum von Mainz und wird zur Tilgung des Kredits zum Ablasskommissar ernannt. Dem Kurfürsten Friedrich passt dieser Handel mit Sicht auf seine eigenen Finanzen gar nicht, weshalb er den Professor Luther (Cornelius Klein) für eine neue Kutte dazu überzeugt, seine 95 Thesen anzuschlagen. Aus finanziellem Eigeninteresse schützt Friedrich Luther und überzeugt diesen, auf dem Wormser Reichstag seine Thesen nicht zu widerrufen und lässt ihn auf die Wartburg entführen, wo Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt.

Karlstadt und Münzer machen sich derweil für gesellschaftliche Veränderungen stark, Münzer wird zum Thüringer Führer in den Bauernaufständen, was Luther stark verurteilt. Am Ende siegen die Fürsten. Münzer und Karlstadt, die mit dem modernen Bauernvolk eine „neue Gemeinschaft“ ins Leben rufen wollten, wie auch Luther werden gelyncht. Und Fugger spricht mit Blick auf seinen bilanzierten 1000 prozentigen Gewinn: „Gelobt sei das Kapital. In Ewigkeit, Amen.“

Der Waggonhalle gelang eine rundum stimmige, kohärente, detailverliebte und gleichzeitig fulminante Inszenierung mit einer selbst erarbeiteten gelungenen Verschmelzung der Handlungsstränge nach der Pause. Bühnenbild und spielerische Dynamik ergaben starke Szenenbilder, die Darstellung der Figuren gelang herrlich überspitzt, fast karikiert. Auch die schauspielerischen Leistungen der Laien-Darsteller ließen das Publikum nicht an Zwischenapplaus geizen.

  • Weitere Aufführungen folgen am 24. und 25. April jeweils ab 20 Uhr in der Waggonhalle.

von Beatrix Achinger

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