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Eins plus mit Sternchen für die Artisten

Waggonhalle: Staatliche Artistenschule Eins plus mit Sternchen für die Artisten

Unterwegs sind derzeit die diesjährigen Absolventen der Staatlichen Artistenschule Berlin. Einen Zwischenstopp legten 
sie auch in Marburg ein. Zum Glück.

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Das muss doch wehtun! Giulia Reboldi baumelte in für den Normalbürger nicht nachvollziehbaren Verrenkungen an einem Stuhl von der Decke.

Quelle: Nadja Schwarzwäller

Marburg. Eingeweihte wissen es längst: Wenn der Abschluss-Jahrgang der Staatlichen Artistenschule in Marburg gastiert, dann sollte man dabei sein. Was die jungen Artisten bei ihrer Deutschland-Tournee alljährlich auf die Bühne zaubern, das ist absolut beeindruckend. Der Jahrgang 2017 machte da keine Ausnahme. „Ich habe das Gefühl, es wird jedes Jahr besser“, kommentierte ein Besucher, der regelmäßig zu den Shows in die Waggonhalle kommt.

Zwölf Absolventen machen sich in diesem Jahr auf den Sprung – das ist in manchen Fällen durchaus wörtlich zu nehmen – in ihren Beruf, acht junge Frauen, vier junge Männer. 531 Artistinnen und Artisten wurden in den vergangenen Jahrzehnten in Berlin ausgebildet. Für viele ging es karrieretechnisch – um im Bild zu bleiben – ordentlich durch die Decke. Jüngstes Beispiel: Das „Duo Sienna“, Sina Brunner und Vienna Holz, die im vergangenen Jahr mit der Absolventenshow zu Gast in Marburg gewesen sind, begeisterten vor kurzem bei der Fernsehshow „It’s Showtime“ im Luftring ein Millionenpublikum.

Eigene Straße für jeden Künstler

Hoch oder doch zumindest deutlich über die Komfortzone der meisten Zuschauer hinaus ging es auch für die Absolventen 2017: ans Netz, aufs Schlappseil, an die Strapaten. Für zwei der geplanten Darbietungen war die Waggonhalle allerdings nicht hoch beziehungsweise groß genug: Dana Schulte-Siepmann und Kyra Reinert konnten ihre Kunst auf dem Schleuderbrett in Marburg nicht präsentieren und Carina Guillermo und Leonid Bethäuser mussten ihre Trapez-Nummer streichen.

Die beiden blieben dafür auf dem Boden und zeigten dem Publikum, wie artistisch und sexy eine sogenannte „Hand-auf-Hand“-Darbietung aussehen kann – willkommen auf dem „Camino de la Luna“. Für jeden der Künstler gab es ein personalisiertes Straßenschild an einer Laterne, an der zu Beginn und am Ende der Titel der Show „on the road“ steht – nur eine von vielen witzigen, frischen Ideen im Programm. Auf dem „Ster-Boulevard“ nahm Nicole Ster eine Showtreppe kopfüber und zelebrierte zauberhafte Handstand-Equilibristik. Und auf dem „Grotemarkt“ konnte man Julia Grotes Eleganz im Luftring bewundern.

Alle Nummern sind in eine Geschichte eingebunden

Sie bewies auch, dass man als Artist nahezu schmerzfrei sein und manchmal ordentlich Federn lassen muss – beziehungsweise Haare: Ein ganzes Büschel hing nach ihrem Abgang noch am Luftring und das Publikum litt hörbar mit. Ganz besondere und faszinierende Jonglage-Varianten präsentierten zwei der Herren in der Truppe. Lukas Köster wirft seine Bälle nicht nur in die Luft, sondern auch auf den Boden beziehungsweise in die schrägen Ebenen von zwei Dreiecken; und Florian Maertz beherrscht seine Kunst auch noch mit Handschellen an einer Auto­tür gefesselt.

Giulia Reboldi agierte formvollendet in der Luft – auf einem Stuhl – und Miriam van der Neut zeigte einen fantastischen Tango Argentino in einem von der Decke hängenden Netz. Jule Schuster balancierte unfassbar wagemutig auf dem Schlappseil und Tim Kriegler hing in den Strapaten, dass es schon vom Zusehen weh tat. Spagat jeweils inklusive. Zwischendurch erzählten kurze Spielszenen und Choreographien, in die alle Artisten eingebunden sind, von Begegnungen „on the road“, das alles abgerundet mit stimmiger Musik. Für Konzept und Regie zeichnet „Zirkus-Macher“ Tobias Fiedler aus Hamburg verantwortlich.

Nach ihrem Auftritt gab es schon Bravorufe, Zugabeforderungen und tosenden Beifall in der Waggonhalle. Als die Artisten anschließend vor der Tür standen, applaudierten einige der Zuschauer auf dem Weg nach Hause spontan nochmal und bedankten sich für die großartige Show. „Das üben wir heute Abend“, erklärte ein Paar lachend. Die Abschlussprüfung haben sie alle längst bestanden, und Marburg gab noch eine Eins plus mit Sternchen obendrauf.

von Nadja Schwarzwäller

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