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Vorweihnachtliches Leuchten fehlt

Konzertchor sang Weihnachtsoratorium Vorweihnachtliches Leuchten fehlt

Johann Sebastian Bachs Meisterwerk soll aufs „Fest der Feste“ einstimmen. Das gelang am Montag in der Kirche St. Peter und Paul nur ansatzweise.

Marburg. „Jauchzet, frohlocket! Auf, preiset die Tage“ - so beginnt die erste der sechs Kantaten, die Johann Sebastian Bach zum populärsten „Weihnachtsoratorium“ zusammengefasst hat. Dieser Chor gibt den freudigen, jubilierenden Ton vor, der die Interpretation des gesamten Werkes bestimmen sollte.

Doch in der Widergabe der Kantaten 1, 2 und 6 durch den Marburger Konzertchor und die Virtuosi Brunensis unter der Leitung von Siegfried Heinrich setzte sich dieser Ton nicht durch.

Keine Frage: Der Konzertchor beherrscht das „Weihnachtsoratorium“ aus dem Effeff, zeigte dynamische Vielfalt und schlanken Klang. Auch die Virtuosi Brunensis musizierten kultiviert und ließen solistisch aufhorchen, zum Beispiel die Flöte in der Tenor-Arie „Frohe Hirten, eilt, ach eilet“ oder die Trompete in der Bass-Arie „Großer Herr und starker König“, wohingegen der Kollege, der das Trompeten-Trio im Finalchor der sechsten Kantate anführte, seinen überaus schwierigen Part ziemlich daneben gehen ließ. Gestern ließ Dirigent Heinrich mitteilen, es habe Probleme mit den Trompetenventilen gegeben, die nicht dem Musiker anzulasten seien.

Woran aber lag es, dass im Ausdruck Vieles zu einförmig blieb, nicht im vorweihnachtlichen Licht leuchtete? Vielleicht haben Chor und Orchester in den vergangenen Jahren dieses Werk zu oft musiziert, und es hat sich Routine eingeschlichen.

Und vielleicht lag‘s auch am Montag, der kein guter Tag für Konzerte zu sein scheint, zumal wenn schon Aufführungen am Samstag in Bad Hersfeld und am Sonntag in Kassel vorausgegangen sind.

Bei der Verpflichtung der Solisten hatte Heinrich hingegen wieder eine glückliche Hand. Angeführt wurde das Quartett von Sebastian Wartig. Der 23-Jährige, der noch in Leipzig studiert, hatte bereits vor Ostern unter Heinrich in der „Johannespassion“ begeistert. Und er überzeugte auch dieses Mal: mit einem dunkel getönten, samtweichen Bariton, den er nicht nur in den Rezitativen abstufungsreich bewegte, sondern mühelos auch durch die virtuosen Passagen seiner einzigen Arie. Und er ist ein Vorbild an Textverständlichkeit. Wovon leider bei der ebenfalls 23 Jahre alten Sara Mengs keine Rede sein kann. Was sie mit ihrem leuchtkräftigen Sopran hören ließ, erinnerte an textlose Vokalisen.

Erfreulich war die Wiederbegegnung mit Renate Kaschmieder, die in Marburg viel zu lange nicht aufgetreten ist. Mit wissendem Ausdruck und feinfühliger Gesangskultur gestaltete sie ihre beiden Arien. Und wegen ihr bedauerte man am meisten, dass Heinrich auf die dritte Kantate mit der herrlichen Alt-Arie „Schließe, mein Herze, dies selige Wunder“ verzichtet hat - zugunsten der sechsten, in der Sopran und Tenor solistisch dominieren. Falk Hoffmann fand nicht nur für die Evanglistenworte zu einem spannungsvollen Erzählton. Sein lyrisch-geschmeidiger Tenor meisterte mühelos auch die beiden virtuosen Arien.

Am Ende spendeten die 400 Zuhörer freundlichen Applaus. So mancher „Weihnachtsoratorium“-Liebhaber ging diesmal nicht ganz so zufrieden nach Hause wie sonst nach Auftritten des Marburger Konzertchores.

von Michael Arndt

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