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Vorhang auf für Nessis Paradies

Kabarett Vorhang auf für Nessis Paradies

Nessi Tausendschön versteht es wie kaum jemand im deutschen Kabarett, Musik und Humor zu verbinden. Ihr neues Programm „Knietief im Paradies“ ist der jüngste Beweis.

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Mal keck, mal charmant. Und auch mal ein bisschen grobschlächtig. Bei Nessi Tausendschön geht‘s rund im Paradies und auf der Bühne.

Quelle: Benjamin Kaiser

Marburg. Bevor Tausendschön richtig in Fahrt kommt, lassen sich schon Zugabe-Rufe aus dem Publikum vernehmen. Das liegt daran, dass die Kabarettistin ihr Programm „von hinten aufrollt“ und „ganz unkonventionell“ mit der Zugabe anfängt. In Nessis Paradies, in dem Glück und Gesang schalten und walten, ist eben alles ein bisschen anders.

Aber vor der Reise in ihr Paradies muss sie zunächst einmal die Spielregeln festlegen: Lachen sei Pflicht, und die pädagogischen Kernpunkte würden am Ende der Show abgefragt. Vorher wird nochmal allzu durstigen Zuschauern ins Gewissen geredet: „Sie wollen sich scheinbar den Abend schön saufen, mein Herr!“ Und ab geht’s.

Auf der Reise ist Nessi nicht allein, hat im kanadischen Musiker William Mackenzie Verstärkung gefunden. Kongenial ergänzen sie sich. „Weiß auch nicht genau, wie er es rechtfertigt, aus Kanada ausgewandert zu sein“, meint Tausendschön keck. Egal! Mackenzies Brillanz an verschiedenen und manchmal sehr wundersam aussehenden Gitarren stärkt die Darbietung.

„Ich werde den Gesang mit laszivem Ausdruckstanz untermalen“, kündigt die Künstlerin breit grinsend und vollmundig an. Eine gute Tänzerin ist an ihr aber sicher nicht verloren gegangen. Doch wenn auch nicht lasziv, weiß Tausendschöns wildes und hektisches Gehampel zu amüsieren, und sie tut gut daran, sich beim Tanzen kein Stück ernst zu nehmen.

Manche Songs sind herzerwärmend, andere grobschlächtig, manche auch beides auf einmal. Doch unabhängig der Songtexte behalten Nessis Darbietungen stets ein zwinkerndes Auge und hohen Sehenswert. Das liegt auch daran, dass Tausendschön in Sachen Instrumente am ganz großen Rad dreht.

Im Gepäck hat sie unter anderem ein Theremin - ein mit elektromagnetischen Feldern spielbares Piano. Das Instrument wirkt eher wie ein Bordcomputer in einem Raumschiff, dem Nessi futuristische Elektro-Sounds entlockt. Doch damit nicht genug. Denn scheinbar hält Tausendschön von Geigen nicht viel. Daher wird die Violine kurzerhand durch einen Fuchsschwanz - die „singende Säge“ - ersetzt, die Nessi mit dem Violinen-Bogen vorzüglich spielt.

Natürlich dürfen auch urige Impressionen in Nessis Paradies nicht fehlen. So gibt sich die Niedersächsin ganz bayrisch, wenn sie einen CSU-Lokalpolitiker mimt und dessen geistige Engstirnigkeit und konservatives Weltbild mit viel Witz entlarvt und der Lächerlichkeit preisgibt. Auch Tipps für eine geradezu paradiesische Ehe gibt es von Nessi. Ob diese jedoch funktionieren, bezweifelt die Eheberaterin selber am meisten. Wie Tausendschöns Garten Eden aussieht? Zunächst müsse der Intelligenzquotient „auf Zimmertemperatur heruntergefahren werden“. Zu viel Denken erscheint Nessi also hinderlich. „Wir sind alle dumm vor Glück“, stellt sie fest. Letztlich weiß Tausendschön jedoch um die Subjektivität des Glücks. „Jeder von Ihnen muss für sich selber wissen, wie das Paradies aussieht“, sagt sie zwinkernd.

Sicher ist aber, dass das Publikum am Ende des Abends knietief im Spaß steckt, denn nach dem Applaus zu urteilen, sind die Zuschauer von der Darbietung begeistert.

von Benjamin Kaiser

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