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Von zwei gut gebauten Hessen

Badesalz in Marburg Von zwei gut gebauten Hessen

Im ausverkauften Erwin-Piscator-Haus präsentierte Badesalz sein Programm „Dö Chefs“. Das hessische Comedyduo begeisterte mit temporeichen Wortwitzen und ebenso komischen wie musikalisch gekonnten Einlagen.

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Mitreißende, ebenso komische wie musikalisch gekonnte Einlagen von Gerd Knebel (links) und Henni Nachtsheim gehören zu jeder Badesalz-Show dazu.

Quelle: Manfred Schubert

Marburg. Mit Riesenapplaus begrüßte das von Mitte 20 bis ins Rentenalter reichende Publikum Henni Nachtsheim und Gerd Knebel schon beim Betreten der Bühne. Und zahlreiche weitere Beifallsstürme und viele Lacher folgten im Laufe des Samstagabends. Kalauer, Wortwitze, natürlich hessisches Gebabbel und Geblödel und so manches dem Volksmaul Abgeschaute verfehlten bei den auf herzhaftes Lachen eingestellten 1000 Besuchern im ausverkauften Erwin-Piscator-Haus ihre Wirkung nicht.

Badesalz begeistert auch nach mehr als 30 Jahren auf der Bühne noch immer seine Anhänger. Bewährtes Grundmuster seit Beginn der 1980er Jahre: Sich streiten wie ein altes Ehepaar. Das kommt auch im aktuellen Programm „Dö Chefs“ direkt als Szene vor. Da reicht es, wenn die beiden wie ein altes, sich anschweigendes Ehepaar zunächst nur seufzen und stöhnen, damit die Zuhörer vor Lachen fast vom Stuhl rutschen.

Die Rahmenhandlung des Programms, mit dem Badesalz bereits seit zweieinhalb Jahren die Hallen füllen: Beide sind Besitzer zweier schlecht besuchter Kneipen, die nebeneinander am Stadtrand liegen. Auf der Speisekarte von „Paul’s Texas Pub“, korrekt mit Idioten-Apostroph, steht Frikadelle mit und ohne Serviette, „Beim Henry“ gibt es etwas mehr Auswahl, Rindsworscht mit Senf, Rindsworscht mit Brot und Senf und Rindsworscht ohne alles.

Das bietet Stoff genug für zahlreiche Fiesheiten und Sticheleien. Aber als die beiden Wirte vom geplanten Abriss ihrer Kneipen erfahren, reifen Pläne für eine Fusion.

Und die Idee für den Namen des gemeinsamen Lokals enthüllt dann auch, was hinter dem Titel des Programms steht, der gemäß guter Badesalz-Tradition seinen Sinn nicht auf den ersten Blick offenbart. „Deux Chefs“, also zwei Chefs, schreibt Paul schön hessisch mit „ö“.

Insbesondere die erste Hälfte der rund 100-minütigen Show bot ein Feuerwerk an guten, scharfzüngigen Pointen und gelungenen bissigen Seitenhieben auf Entwicklungen in der Gesellschaft. Etwa den Trend zur Tätowierung. „Geh doch mal ohne Tätowierung zur Bank und frag nach Kredit. Da kriegst du so keinen mehr, weil die alle tätowiert sind“, erklärt Paul.

Auch die Event-Gastronomie kriegt ihr Fett weg. „Wir lassen eine Kakerlake auf Handkäs balancieren, zum Schluss springt sie durch einen brennenden Zwiebelring“, schlägt Paul vor, allein die Vorstellung treibt den Zuhörern Lachtränen in die Augen.

Und die Speisekarte muss sprachlich veredelt werden, dabei wird Henry äußerst kreativ: „Eine glänzende Gourmetsichel in edlem Zinnoberrot in goldgelber Marinade“ beschreibt die simple Rindswurst mit Senf, der Handkäs mit Musik wird zum weich-cremigen Goldtaler in einem würzigen See, umspült von kleinen pikanten Diamanten, dessen Genuss mit einem orchestralen Finale gekrönt wird.

Grandios ist auch die Oscar-Rede von Nachtsheim in schönstem Hessisch-Denglisch, in der er in Kittelschürze und mit Bembel alle kulinarischen Köstlichkeiten der hessischen Heimat vom Handcheese über Presskopp in Verbindung mit den Hollywoodstars bringt: „Bruce Willis, when you come to Germany, we go to drink an Äppler and then you will die hard, on the toilet.“

Zwischendurch dürfen die Zuhörer bei einem „echt durchgeknallten“ Spanischkurs mit explodierendem Radiorekorder mitmachen, denn am Ende wandern die beiden als „Dos Chefos“ nach Spanien aus und gründen dort eine sehr erfolgreiche neue Existenz, wie eine witzige Diaschau mit Prominenten und Semi-Prominenten bewies.

Vor allem in der zweiten Hälfte glänzten die ehemaligen Bandmitglieder, Knebel bei „Flatsch“, Nachtsheim als langjähriger Saxofonist bei den Rodgau Monotones, mit mitreißenden, ebenso komischen wie musikalisch gekonnten Einlagen, die fester Bestandteil jeder Badesalz-Show sind.

Spanisch angehaucht erklang eine Art neuer Hessenhymne mit den Zeilen: „Antonio Banderas, den könnt ihr vergessen / Was ist schon Julio Iglesias gegen zwei gut gebaute Hessen.“ Am Schluss parodierten die beiden Pharell Williams’ „Happy“ und „Get Lucky“. Das Publikum lachte begeistert über die ironisch-witzigen Versionen. Nachtheim dankte für die „total geile Stimmung“ in Marburg, wo Badesalz bereits seit 1946 auftrete.

Wer diesmal keine Karten mehr bekommen hat, hat die Chance beim bereits auf Plakaten angekündigten „Zusatz­termin“. Der ist allerdings erst am 28. Oktober 2017.

von Manfred Schubert

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