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Von der Utopie der Liebe

Peter Henisch im Café Vetter Von der Utopie der Liebe

70 Jahre alt ist der österreichische Autor Peter Henisch. Am Sonntag las er im Café Vetter aus seinem neuen Roman „Mortimer und Miss Molly“.

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Caféhaus-Atmosphäre – wie hier bei Peter Henisch – prägt die Lesungen der Neuen Literarischen Gesellschaft. Foto: Wenzel

Marburg. In seinem neuen Roman „Mortimer und Miss Molly“ erzählt der erfolgreiche Autor Peter Henisch in schlichter, melodischer Sprache gleich zwei Liebesgeschichten. Vor dem Hintergrund der sonnendurchfluteten Toskana wird hier geschickt und eindringlich die Begegnung zwischen Mortimer und Miss Molly mit der von Julia und Marco verwoben.

Dem Anfang eines Films gleich landet im Mai 1944 der junge amerikanische Soldat Mortimer mit seinem Fallschirm direkt in dem italienischem Renaissance-Garten der englischen Gouvernante Miss Molly, die ihn daraufhin vor den deutschen Besatzern versteckt und seine Geliebte wird.

Gut 30 Jahre später treffen Julia und Marco, die eigentlich nur eine Sommerromanze im Sinn haben, in ihrer Pension einen alten Mann, der ihnen von diesem Ereignis erzählt. Die Fortsetzung dieser Liebesgeschichte folge am nächsten Morgen, verspricht der Unbekannte, doch er verschwindet spurlos. Es liegt nun an den beiden die Geschichte weiterzuspinnen, zu fantasieren was sich zugetragen haben könnte oder sollte. Durch diese Gedankenspiele versetzt sich der Leser nicht nur in jene Geschehnisse des Mai 1944, ihm wird auch bewusst, was alles passieren könnte, wenn die Fantasie Einzug in die Wirklichkeit erhielte.

Gleichzeitig ist „Mortimer und Miss Molly“ nicht nur ein Roman über zwei Liebespaare, sondern auch eine metaphorische Reflexion über das Schreiben an sich. Denn wenn sich Julia und Marco fragen: „Was könnte Mortimer gesagt haben? Wie hat Miss Molly reagiert? Und waren die beiden wirklich ein Paar?“ Dann fragt sich dies auch der Autor, man blickt ihm während des Schreibens förmlich über die Schulter.

Den ursprünglichen Impuls für die ungewöhnliche Erzählung erlebte der Autor selbst. Peter Henisch traf bei einem Aufenthalt in der Toskana, jenen gealterten Mortimer, den auch Julia und Marco treffen sollten. Wie im Buch verschwand dieser am nächsten Morgen. Dennoch ist es kein autobiografischer Roman, sondern vielmehr ein Spiel von Wirklichkeit und Illusion. Das sei, so der Autor „die Rechtfertigung der Fantasie für die Utopie der Liebe“.

„Mortimer und Miss Molly“ stellt das Modell einer Liebe vor, die trotz aller sie umgebender Widrigkeiten des Zweiten Weltkrieges gelebt wird. Eine Vorstellung, die auf Julia und Marco reflektiert und ihnen Hoffnung gibt an ihre eigene Liebe zu glauben.

Dass die Geschichte von Mortimer und Miss Molly vielleicht ganz anders verlaufen ist, kommentiert Henisch‘ Figur Julia nur lakonisch mit den Worten Hegels: „Umso schlimmer für die Wirklichkeit.“

Peter Henisch: „Mortimer und Miss Molly“, Deuticke Verlag, 320 Seiten, 19,90 Euro.

von Johanna Wenzel

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