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Von Sannyasins und Welterbe-Träumen

Literatur um 11: Horst Schwebel Von Sannyasins und Welterbe-Träumen

Der Marburger Autor Horst Schwebel erzählt in seinem neuen Buch von Engeln, dem Weltkulturerbe und der Lebensgeschichte eines Bildes.

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Horst Schwebel erzählte bei seiner Lesung im Café Vetter auch etwas über das Umschlagbild seines Buches, das links im Hintergrund zu sehen ist.

Quelle: Kristina Lieschke

Marburg. „Nein, Angst vor der Zukunft habe ich keine“, beginnt das Aquarell einer elektrischen Straßenbahn in Horst Schwebels Erzählung „Geschichte eines Bildes“ ganz harmlos seinen Lebensbericht: „Ich ... weiß, wo ich hinkomme. Und das ist gut so.“

Dann reicht dieser Bericht von der Entstehung des Bildes eines sächsischen Künstlers 1910 über ein Schicksal als „entartetes“ Kunstwerk, das dann doch wieder in eine private Kunstsammlung gelangt, bis zum Tod des Besitzers, eines seltsamen alten Herrn, der seine Bilder über alles liebte.

Die „Elektrische“ soll deshalb bei der anstehenden Beerdigung mit in den Sarg gelegt werden und so für immer mit dem alten Herrn zusammenbleiben. Bild und Künstler gibt es wirklich, erzählte Schwebel bei seiner Lesung am Sonntag im Café Vetter: „Alles andere ist aber erfunden.“

Gerade das Talent des Autors, „ganz Reales mit Fiktionalem so zu verbinden, dass man da gar keine Schnittstellen merkt“, hatte Veranstalter Ludwig Legge, der Vorsitzende der Neuen Literarischen Gesellschaft, in seiner Einführungsrede besonders gelobt. Zu entdecken ist dieses Talent in dem Erzählband „Zwischen Ashram, Kanzel und Katheder“.

„Weltkulturerbe“: Geschichte liebevollen Details

In der oberen Etage des Café Vetter war bei Schwebels Lesung aus Anlass seines 75. Geburtstags jeder Tisch besetzt. Der ehemalige Professor für Praktische Theologie und langjährige Direktor des Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart in Marburg erklärte seinen Zuhörern zuallererst, wie der Ashram (ein hinduistisches klosterähnliches Meditationszentrum) in den Buchtitel kam. Und zwar durch Erfahrungen Schwebels mit Sannyasins (sogenannten „Bhagwanjüngern“) als Hausnachbarn im Marburger Südviertel der 1970er Jahre. Die Begegnung mit ihnen führte letztlich zu der Kurzgeschichte „Die Ashramtrommel“.

Schwebel, der übrigens schon vor 42 Jahren die allererste Lesung von „Literatur um 11“ im Café Vetter moderierte, ließ es sich nicht nehmen, auch Kanzel und Katheder genauer zu beleuchten. Er erzählte Details zu mehreren Geschichten aus diesen Themenbereichen und erwähnte dabei beispielsweise einen ungläubigen Bischof sowie die von einem Mäzen gestiftete Hüpfburg in einer Kirche. Außerdem las er die Geschichte „Poltergeist“ um einen Kunsthistoriker auf den Spuren der Engel in der Kunst.

Höhepunkt der Lesung war wohl für die meisten Zuhörer die von aktuellen Marburger Ereignissen inspirierte Geschichte „Weltkulturerbe“. Mit viel Liebe zum Detail schildert Schwebel den fiktiven Besuch einer Expertenkommission, deren Gutachten der Universitätsstadt vielleicht doch noch eine Nominierung für die Weltkulturerbeliste einbringen soll.

Allerdings haben sowohl die Stadtoberen als auch die Kommissionsmitglieder, ein Amerikaner, ein Grieche und ein Franzose, sehr unterschiedliche Ansprüche und Vorstellungen. Wie die Sache ausgeht?
Denjenigen, die es nicht am Sonntag selber gehört haben, sei zur Beantwortung dieser Frage die Lektüre des im Verlag Blaues Schloss erschienenen Buches empfohlen.

Auch sonst ist das Buch sehr lesenswert. Nach den neun Geschichten in „Der Durchstreicher“ (2012) konnte Schwebel bei den elf Erzählungen in „Zwischen Ashram, Kanzel und Katheder“ noch einmal deutlich zulegen.

von Kristina Lieschke

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