Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Regen

Navigation:
Von Liebe, Lust und Vergänglichkeit

Marburger Bachchor Von Liebe, Lust und Vergänglichkeit

Mit erstklassigen Konzerten erfreute der Marburger Bachchor am Samstag und Sonntag das Publikum im Fürstensaal des Landgrafenschlosses. Mit Chansons trotzte er sogar dem Stadtfest „3 Tage Marburg“.

Voriger Artikel
Temperamentvolle weltmusikalische Reise
Nächster Artikel
Schrille Satire über deutsche Neonazis

Hochkonzentriert präsentierte sich der Marburger Bachchor unter der Leitung von Nicolo Sokoli bei seinen Sommerkonzerten im Fürstensaal.

Quelle: Bodo Folger / Casamotion

Marburg. Dirigent Nicolo Sokoli gab zu Beginn des diesjährigen Sommerkonzertes eine kurze Einführung in das Thema. Mit dem Begriff Chanson sei die Assoziation mit den großen französischen Künstlern des 20. Jahrhunderts verbunden, erklärte er und nannte Namen wie Edith Piaf und Charles Aznavour. „Aber ‚Chanson‘ heißt wörtlich ‚Lied‘ und hat seinen Ursprung im 16. Jahrhundert“, so der Dirigent weiter. Damals bildete sich in Abgrenzung zu Staat und Kirche eine neue musikalische Form, in der das Volk ganz unter sich sein konnte.

Der Bachchor startete mit einem Lied von Pierre Attaingnant (1494-1552), das noch der Zeit der Renaissance nahestand. Das Ensemble stellte sich hierfür an allen vier Seiten des Fürstensaals auf und wanderte langsam singend zur Bühne. So entstand ein wunderbares und eindrucksvolles Klanggewebe, das den ganzen Raum erfüllte. Überhaupt beglückte der Chor den ganzen Abend hindurch mit einem exzellenten Klang: große Klarheit, hohe Präzision, beste Intonation. Hinzu kamen fein ausgearbeitete Dynamik und perfekte Homogenität, kurz: Es war ein echter Hörgenuss.

Es folgten zwei Stücke von Pierre Certon (1510-1572), der hauptamtlich Kirchenmusiker an Notre Dame de Paris war. Neben Messen und Motetten komponierte er auch 300 Chansons mit teils derben und anzüglichen Texten. Auch in dem flotten Lied „Nicolette“ von Maurice Ravel (1875-1937) ging es um die Liebe. Die junge Nicolette verschmäht einen schönen Jüngling und zieht einen alten, hässlichen Kerl vor, nur weil der das nötige Kleingeld hat.

Nachdenkliche Chansons einfühlsam vorgetragen

Von Edmund Nick (1891-1974) stammte das deutsche Chanson „Das Karussell“. Es ist eine Vertonung des berühmten gleichnamigen Gedichts von Rainer Maria Rilke. Gesungen wurde es im Konzert von der Solistin Regine Müller-Laupert, die mit ihrem klangvollen Mezzosopran und ihrem weichen Timbre überzeugte. Locker und leicht kam dann das Lied „Wäre ich ein Schmetterling“ von Andreas Tarkmann (geboren 1956) daher, ebenfalls gesungen von Regine Müller-Laupert.

Auch Paul Hindemith (1895-1963) hat Rilke-Gedichte vertont, und zwar in seinen „Six Chansons“. Es sind naturnahe Gedichte, die Rilkes Blick auf die Dinge widerspiegeln. Der Chor sang die nachdenklichen Chansons mit sehr viel Einfühlungsvermögen. Besonders gefordert war das Ensemble bei dem Stück „Da alles vergeht“, das nur achtzehn Sekunden dauerte. „Lasst uns schneller sein, schneller als der Tod“, hieß es da.

Zum Abschluss des kurzweiligen Sommerkonzerts erklang „Trois Chansons de Charles d‘Orleans“ von Claude Debussy (1862-1918). Debussy sei der wohl berühmteste impressionistische Komponist, erläuterte Sokoli. Leider habe er nur drei Chansons geschrieben. Das erste Lied war eine zarte Liebeserklärung, die der Chor sehr sensibel gestaltete. Als Letztes erklang eine beschwingte Kampfansage an den Winter, die den Sommer als vergnügliche Jahreszeit pries und beschwor.

Mit tosendem Beifall bedankte sich das Publikum am Sonntagabend im ausverkauften Fürstensaal bei Chor und Solistin. „Zum Nachtisch“ gab es noch einmal das klangvolle Stück „Dirait-on“ von Morten Lauridsen. Auch am Samstag war das Konzert im Fürstensaal trotz der großen Konkurrenz durch das Stadtfest verblüffend gut besucht.

von Bettina Preussner

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr