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Von Huren, Zuhältern und Rotlich-Managern

Clemens Meyer im Café Vetter Von Huren, Zuhältern und Rotlich-Managern

Clemens Meyer wirft in seinem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman „Im Stein“ einen ernüchternden Blick auf das Rotlicht-Gewerbe. Am Sonntag las er im Café Vetter.

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Umgeben von Blumen, Bildern und bürgerlichen Accessoires entführte Clemens Meyer seine Zuhörer im Café Vetter in die fremde Welt des Rotlicht-Gewerbes. Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Gebumst wird immer“, sagt einer der Protagonisten in Clemens Meyers Roman „Im Stein“. Und das zum Frühstückskaffee im altehrwürdigen Café Vetter? Vielleicht ahnten viele Literaturinteressierte, dass es bei dem Ausflug ins Rotlicht-Milieu von Eden City nicht immer ganz jugendfrei zugehen würde. So kamen nur 70 Zuhörer, um einen der großen deutschen Schriftsteller seiner Generation zu hören, eine bisweilen schonungslose Stimme aus dem Osten der Republik. Auch Ludwig Legge, Vorsitzender der neuen Literarischen Gesellschaft, hatte eigentlich mit mehr gerechnet, zumal Meyers Roman in nahezu allen deutschen Zeitungen überwiegend positiv besprochen worden und für den Deutschen Buchpreis 2013 nominiert worden war.

Viele Vorschusslorbeeren also. Doch Meyer, 1977 in Halle an der Saale geboren und in Leipzig aufgewachsen, mutet seinen Lesern in seinem zweiten großen Roman nach „Als wir träumten“ (2006) einiges zu. Sowohl inhaltlich als auch sprachlich. Ursache ist die Montagetechnik, für die er sich entschieden hat: innere Monologe wechseln mit Assoziationen von Licht und Dunkel, Lärm und Stille, die sich langsam zu einem Bild einer ostdeutschen Großstadt zusammensetzen, die er Eden City nennt, die aber eine Art „Leipzig hybrid“ ist, wie er im Café Vetter erläuterte.

Inhaltlich geht es um das „älteste Gewerbe der Welt“, wie Prostitution auch genannt wird. Obwohl dieser „Wirtschaftszweig“ in Deutschland nach groben Schätzungen rund 14 Milliarden Euro im Jahr umsetzt, bleibt vieles im Dunkel: Wer verdient, wer wird ausgebeutet?

Einer der weiß, wie das anrüchige Geschäft mit dem Sex funktioniert, ist Arnold Kraushaar, einer von Meyers Protagonisten. Kraushaar war in den Wendejahren ein ganz normaler Zuhälter. Heute ist er der „Chef“, einer der Überlebenden der Marktregulierung, der Kämpfe um Straßenstrich und Bordelle. Man hätte aus dem Stoff auch einen klassischen Thriller machen können, Meyer hat sich für einen tiefen Blick hinter die Kulissen des Rotlichtgewerbes entschieden, der bisweilen an eine Sozialstudie erinnert. Zuhälter? Nein, Zuhälter ist er nicht, sagt dieser Kraushaar, der Ende der 90er Jahre nur knapp überlebte. Heute ist er Geschäftsmann, Immobilienmakler, vermietet lediglich Wohnungen an Frauen, die ihre Körper verkaufen. Und er kann rechnen. Und außerdem: das (von Rot-Grün im Jahr 2002 reformierte Prostitutions-) Gesetz ist auf seiner Seite. Und überhaupt denkt das Gewerbe schon über Aktien nach, die Aktie Rot. Es steckt eben viel Geld drin in dem Gewerbe, von dem auch „die Engel“ etwas abhaben wollen - damit können nur die Hells Angels gemeint sein. All das taucht auf in dem vielschichtigen, ineinander verwobenen Stimmenchor, aus dem Meyer gut eine Stunde lang las. Sehr hilfreich waren seine Erläuterungen über die Struktur der verschiedenen Kapitel und die Charaktere, die er präsentierte.

Besonders eindrucksvoll ist sein Roman, der aufgrund seiner Struktur und der zeitlichen Dauer über zwei Jahrzehnte Nachwendezeit oft mühevoll zu lesen ist, wenn er Huren, Polizisten, Rotlichtgrößen in inneren Monologen nahekommt. In Marburg präsentierte er seinen inneren Monolog einer Prostituierten, die im frostigen Januar in ihrer Wohnung ihren Gedanken freien Lauf lässt: Sie redet von ihrer Sexarbeit, also würde sie morgens in eine Bäckerei fahren um Brötchen zu verkaufen. Und doch schwingt ein beklemmender Unterton mit.

Als Wenderoman will der mehrfach preisgekrönte Autor sein Buch nicht verstanden wissen. Obwohl es in seiner Heimat wohl keine Biografie gebe, die nicht davon berührt wäre.

Clemens Meyer: „Im Sein“, S. Fischer Verlag, Frankfurt, 560 Seiten, 22,99 Euro

von Uwe Badouin

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