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Vom „Tatort“ an den Schreibtisch

Andrea Sawatzkis Romandebür Vom „Tatort“ an den Schreibtisch

Hach, die Sawatzki und ihr Berkel! Das unzertrennliche Paar des deutschen Films hat ein Buch geschrieben - beziehungsweise: Sie hat geschrieben, er Tipps gegeben. Herausgekommen ist "Ein nicht allzu braves Mädchen" ein nicht zu verachtendes Debüt.

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Die Schauspielerin und Autorin Andrea Sawatzki hält ihren Roman „Ein allzu braves Mädchen“ in den Händen. Foto: Tobias Hase

Quelle: Tobias Hase

Marburg. Andrea Sawatzki und Christian Berkel, das ist immer ein bisschen wie Tim und Struppi oder Dirk Nowitzki und die Dallas Mavericks: ein unzertrennliches Team. Als dieses präsentiert sich das Paar bei jeder Gelegenheit, zuletzt bei der Premiere von Sawatzkis Debütroman „Ein allzu braves Mädchen“ in München: Als Sawatzki vorliest, sitzt Berkel konzentriert zuhörend in der ersten Reihe. Für wen die Widmung des Buches da wohl ist? Richtig: „Für Christian“.

Dabei geht es in dem Debütwerk der 50 Jahre alten Schauspielerin um eine ganz andere Person - um Andrea Sawatzki selbst. Ihr eigenes Leben sei Ausgangspunkt der Geschichte, sagt die frühere „Tatort“-Kommissarin, die sich im November 2012 auch schon bei einem kurzen Intermezzo als Sängerin versuchte. Dass das „allzu brave Mädchen“ ein autobiografisches Stück sei, bestreitet sie jedoch.

Die Hauptfigur Manuela Scriba weist allerdings einige Parallelen zu Sawatzki auf: Sie wächst in Bayern auf. Ihr Vater, ein Journalist, leidet in ihrer Kindheit an Alzheimer. Schon als kleines Mädchen muss Scriba den greisen Mann pflegen. Er stirbt, als Manuela zwölf Jahre alt ist. All das trifft auch auf die gebürtige Bayerin Sawatzki zu - mit der Ausnahme, dass ihr alzheimererkrankter Vater stirbt, als sie ein Jahr älter als Scriba, also 13, ist.

Manuela Scriba hat leuchtende rote Haare und „eismeerblaue“ Augen - zwei Dinge, die auch Sawatzki optisch prägen. Die Autorin sagt zu den augenscheinlichen und biografischen Ähnlichkeiten: „Ich greife nur auf ein paar Erfahrungen zurück.“ Autobiografisch sei der Roman keineswegs. Also alles Zufall, die Gemeinsamkeiten? „Ich mag einfach rote Haare“, sagt die Rothaarige.

Also Fiktion. Das ist in dem Sinne auch gut so, weil die Hauptfigur des Romans viele grausame Erlebnisse bewältigen muss, die man keinem Menschen wünscht: Misshandlungen durch den eigenen Vater, Prostitution, Missbrauch durch einen Freier. Drei Abtreibungen.

Womit wir bei der Handlung wären. Eine rothaarige Frau in einem grünen Paillettenkleid wird in einem Waldstück gefunden. Keiner weiß, warum die verstörte junge Frau dort zwischen den Bäumen kauert. Sie wird in einer Psychiatrie untergebracht, wo sich eine Therapeutin ihrer annimmt. Kurze Zeit später findet die Polizei einen alten Greis namens Wilfried Ott tot in seinem Haus.

Aus diesen beiden Strängen entwickelt Sawatzki eine Handlung, die keine komplexen Verflechtungen zulässt.

Tatsächlich lässt sich schon früh erahnen, was mit dem Getöteten passiert sein könnte. Interessant macht das Buch aber die psychologische Tiefe, die man in gerade einmal 170 Seiten erst einmal erzeugen muss. Die Gespräche zwischen Therapeutin und Patientin geben Eindrücke in das Seelenleben Scribas und gleichzeitig auch ein bisschen in das von Sawatzki selbst. Und es bringt die Handlung kontinuierlich voran - bis zu dem Tag, an dem Wilfried Otts Leben in einem erniedrigenden Moment endet und jemand „so lange auf seinen Schädel einschlägt, bis er platzt“.

Dieser Moment ist es, in dem sich der Leser fragt: Ist Manuela Scriba Opfer, Täter - oder gar eine mehrfache Mörderin? Verwirrung stiftet Sawatzki, indem sie eine Patientin konstruiert, die „nicht immer zwischen Erinnerung und Einbildung zu unterscheiden wusste“. Sie beschreibt im Wesentlichen nur vier Figuren - für den Umfang des Romans vollkommen ausreichend.

Dabei war lange unklar, in welche Richtung die Reise der Manuela Scriba gehen soll. Die erste Fassung ist in Tagebuchform geschrieben gewesen, beim zweiten Versuch ein Kriminalroman entstanden, erzählt Sawatzkis Lektor Thomas Tebbe. 16 Fassungen soll Sawatzki vorgelegt haben, bis Tebbe zufrieden war.

Die Endfassung, so Tebbe, sei nun ein „psychologisches Kammerspiel“.

Beim Entstehen des Buches ist einer - wie könnte es anders sein? - immer dabei gewesen: Christian Berkel. „Ich habe das Buch vom ersten Tag an gelesen - in allen Fassungen“, sagt der Schauspieler. Autobiografisch, so Berkel, sei der Roman allerhöchstens „zu zehn Prozent“.

Andrea Sawatzki: „Ein allzu braves Mädchen, Piper, 176 Seiten, 16,99 Euro.

von Steffen Trumpf

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