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Vom Picheln mit den Großeltern

OP-Buchtipp: Joachim Meyerhoff: „Ach, diese Lücke, ...“ Vom Picheln mit den Großeltern

Joachim Meyerhoff schreibt einmal mehr im ganz eigenen Sound: Unbeschwert wechselt hier ein begnadeter Unterhalter zwischen Komik und Tragik. Nicht zu übersehen ist aber auch ein gewisser Verschleiß.

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Der deutsche Schauspieler und Regisseur Joachim Meyerhoff hat seine autobiografische Romantrilogie abgeschlossen.

Quelle: Gert Eggenberger

Joachim Meyerhoff erzählt umwerfend komisch und tieftraurig zugleich von seiner Unfähigkeit, auf der Schauspielschule einen Fontane-Text als Nilpferd aufzuführen.

Liebevoll und im selben Atemzug erbarmungslos schildert er in „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ die täglichen Alkoholrituale seiner innig geliebten Großeltern.

Der dritte autobiografische Roman des Schauspielers nach „Alle Toten fliegen hoch: Amerika“ und „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ bewegt sich durch die Lehrjahre an der Falckenberg-Schule in München: Als junger Mann werd er zwischen dem 20. und 23. Lebensjahr schwer von Versagensängsten und Zweifeln an der Karrierewahl geplagt. Rettenden Trost und exzentrische Lebensfreude findet er als Untermieter bei Großmutter und Großvater in einer Nymphenburger Großbürgervilla.

Das Leben ist unfreiwillig komisch

Die ersten beiden Bücher dieser Trilogie, entstanden aus einer Bühnenperformance, wurden enorme Erfolge wegen des ganz eigenen Erzähl-Sounds des 1967 geborenen Autors. Mit spielerischer Leichtigkeit hat Meyerhoff, Burgschauspieler in Wien und seit 2013 in Hamburg am Schauspielhaus, von seiner Kindheit auf dem Gelände einer Psychiatrie in Schleswig erzählt. Der Vater war dort Direktor und Patienten die Spielgefährten für den Jungen. Am Ende stirbt der Vater nach schwerer Krankheit.

Im zweiten Band erfährt der Ich-Erzähler als Teenager während eines Gastjahres in den USA am Telefon, dass sein mittlerer Bruder bei einen Unfall ums Leben gekommen ist. Nun also die Großeltern. Auch sie werden am Ende tot sein, und doch, wie der letzte Satz des Buches festklopft, „ganz und gar lebendig“ bleiben. Verblüfft stellt Meyerhoff fest, dass Vater und Bruder ihm zunehmend entgleiten, während die Großeltern von dem Verblassen in seinem Gedächtnis verschont bleiben. Warum?

Dem unverstellt ernsten Blick stehen auch im letzten Band der Trilogie wieder Meyerhoffs Lust an der unfreiwilligen Komik des Lebens, sein entspanntes Verhältnis zum Schreiben als Unterhaltung und seine Fähigkeit gegenüber, unbeschwert die Perspektive zu wechseln. Die Großmutter, Schauspielerin wie ihr Enkel, den sie gern „Lieberling“ nennt, und der Großvater, Professor Emeritus, der sein Altersprojekt eines neuen Philosophie-Wörterbuches unbedingt noch bis R schaffen will, bieten als verschrobene Hedonisten reichlich Stoff.

Ein bisschen fehlt die Frische

Das Kontrastprogramm liefert der Ich-Erzähler selbst mit seinen als trostloses Scheitern erlebten drei Jahren an der Schauspielschule. Meyerhoff lässt keine gute Anekdote links liegen. Wenn der immer gebrechlichere Großvater beim häufigen Gang in den Weinkeller immer wieder die Treppe herunterpurzelt und seltsamerweise unverletzt bleibt. Oder wenn der Schauspielschüler Meyerhoff als Komparse bei Massen-Masturbationszenen nicht mit seinem 
gewaltigen Gummipenis zurechtkommt. Umso dankbarer verkriecht er sich im familiären 
Pichel-Nest und trinkt mit.

Am Ende der gemeinsamen Zeit bereiten ihm die Großeltern einen überraschend kühlen Abschied. Umgekehrt sieht auch der Enkel zunehmend „deutliche Abnutzungserscheinungen“. Ein bisschen so wie das Gefühl bei der Lektüre dieses letzten Trilogie-Bandes. Das Buch hat nicht die Frische wie „Wann wird es wieder so sein…“ aus der Kindheit im Psychiatrie-Milieu. Aber man schließt es dankbar ins Herz, fast so wie dieser Autor mit origineller Erzählstimme seine Großmutter Inge Brinkmann und den Großvater Hermann Krings.

  • Joachim Meyerhoff: „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, Kiepenheuer & Wietsch, 352 Seiten, 21,99 Euro.

von Thomas Borchert

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