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Vom Miteinander zur Konfrontation

Konzertverein Vom Miteinander zur Konfrontation

Neue Musik ist beim Konzertverein eher selten zu hören. Am Samstag widmeten sich zwei Ausnahme-Virtuosen fast eine halbe Stunde lang einem der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart, Wolfgang Rihm.

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Zwei junge Ausnahmemusiker: Die Weltklasse-Geigerin Tianwa Yang und ihr Klavierbegleiter
Nicholas Rimmer. Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Die aus China stammende Weltklasse-Geigerin Tianwa Yang sollte zu Beginn der letzten Saison in der „alten“ Stadthalle beim Konzertverein debütieren, sagte aber unmittelbar vor dem Konzert wegen Krankheit ab. Jetzt holte sie ihre Marburg-Premiere nach und begeisterte die 450 Zuhörer im Audimax mit einem außerordentlich anspruchsvollen Duo-Programm, an dessen von Anfang bis Ende mitreißender Umsetzung ihr Klavierpartner Nicholas Rimmer einen genauso großen Anteil wie sie hatte.

Gleich die Wiedergabe von Ludwig van Beethovens a-Moll-Sonate op. 23 war ein großer Wurf. Beide Ausnahme-Virtuosen bannten das Publikum mit dramatischer Bravour in den atemlos dahin jagenden Ecksätzen, loteten dort und im kapriziös-verspielten Mittelsatz aber auch eindringlich-liebevoll die Momente lyrischen Innehaltens aus.

Bevor sich das Duo mit ansteckender Leidenschaft einem der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart, dem 1952 geborenen Wolfgang Rihm, widmeten, gab der aus England stammende Pianist, der auch Musikwissenschaftler ist, den Zuhörern eine Einführung, die vielen sicher den Zugang zu dieser Musik erleichterte. „Phantom und Eskapade“, komponiert 1993 und 1994, hat Rihm der mit ihm befreundeten Anne-Sophie Mutter gewidmet. Der Untertitel „Stückphantasien“ bedeutet, das Werk besteht aus einer vielfach abgestuften Folge kleinerer Episoden oder Phantasien, die sich am Ende doch zum „Stück“ runden. Versonnen und zurückhaltend wirken Beginn und Ende, dazwischen gebärdet sich Rihm als schwärmerischer Lyriker, kontrastiert elegisch-schlichte Passagen mit kernig-energischen, ja geradezu wilden.

„Wir haben es genossen, für Sie zu spielen“

Sind in „Phantom und Eskapade“ beide Instrumente eng miteinander verwoben, so ist in „Hekton“ alles auf Konfrontation angelegt. Rihm hat das Stück als 20-Jähriger komponiert, als „junger Wilder“, wie Rimmer sagte. Der Titel „Hekton“ vereine in sich die Begriffe „hektisch“ und „tektonisch“. Und Rihm hat in der Partitur nicht nur aufgeschrieben, welche Noten gespielt werden sollen, sondern auch, welche Körperhaltung die Solisten dabei einnehmen sollen. Die Geigerin beginnt mit einer unwirschen Figur, die sie in den weit geöffneten Flügel zu schleudern scheint. Der Pianist antwortet mit einem Blick in die Noten, die er dann neben sich auf den Boden wirft, bevor er donnernd in die Tasten greift. Die Reaktion der Geigerin lässt er mit nach vorne geneigtem Kopf und baumelnden Armen über sich ergehen. Später steht er sogar auf und traktiert die Klaviersaiten mit Trommelschlegeln.

Zum Miteinander zurück fand das Duo in der Es-Dur-Sonate op. 18 des 23-jährigen Richard Strauss, dessen 150. Geburtstag die Musikwelt in diesem Jahr feiert. Dieses großformatige Stück Kammermusik weist Parallelen auf zum überbordenden Phantasiereichtum der frühen sinfonischen Dichtungen. So klingt im Finale der schwärmerische Schwung des „Don Juan“ an. Yang musizierte in den Ecksätzen auf ihrer „Guarneri del Gesu 1730“ mit leuchtend-großem und feurigem Ton, getragen von einem imaginären Orchester, das Rimmer aus dem Flügel hervorzauberte. Im liedhaften Mittelsatz schafften es beide, auf ihren Instrumenten mit betörender Süße zu singen, ohne je die Grenze zur Süßlichkeit zu überschreiten.

„Wir haben es genossen, für Sie zu spielen“, bedankte sich der Pianist beim enthusiastisch applaudierenden Publikum, bevor er und seine Violin-Partnerin die Zuhörer mit einem „Lied ohne Worte“ von Robert Schumann nach Hause entließen: dem zweiten Satz aus der gemeinsam mit Johannes Brahms komponierten FAE-Sonate, wobei die drei Töne des Themas für „frei, aber einsam“ stehen.

Am Sonntag, 27. April, gastiert das Kurpfälzische Kammerorchester auf Einladung des Konzertvereins im Audimax.

von Michael Arndt

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