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Vom Leben der DDR-Boheme

OP-Buchtipp: Jutta Voigt: „Stierblutjahre“ Vom Leben der DDR-Boheme

Gab es auch im ersten „Arbeiter- und Bauern-Staat“ DDR eine Boheme? Die ostdeutsche Journalistin Jutta Voigt gibt eine Antwort darauf mit ihrem Buch über die „Stierblutjahre“ in der DDR, benannt nach dem in der Szene populären Rotwein.

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Jutta Voigt kennt sich gut aus in der einstigen DDR-Boheme.

Quelle: Arno Burgi, Aufbau Verlag

Ob Frank Castorf ein Bohemien ist, sei dahingestellt. „Sein Abschied von der Volksbühne aber ist ein später Abschied der Boheme des Ostens“, meint die ostdeutsche Kulturjournalistin 
und Reporterin Jutta Voigt in ihrem Buch über die „Stierblut-Jahre“ der DDR und über die „Boheme des Ostens“.

Darin gibt sie weitgehend autobiografisch einen melancholisch-
ironischen und vor allem liebevollen Rückblick auf jene „Lebenskünstler“, „Paradiesvögel“ und oft auch eher unpolitisch Unangepassten in der DDR.

Lesenswert und aufschlussreich

Voigt, langjährige Kulturjournalistin in der angesehenen DDR-Wochenzeitung „Sonntag“, hat beobachtet, kennengelernt oder sogar teilweise auch begleitet. Das gerät teilweise auch zu einer kleinen Kultur- und Sozialgeschichte eines untergegangenen Staates, wenn auch manchmal mit überhöhten Metaphern oder Plattitüden – so tanzten sie natürlich „auf den Trümmern der Ideale“ und „ihre Seelen hatten Risse“ und „Jede Revolution schleudert ihr Dogma in die Arena der Geschichte“.

Insgesamt aber ist es ein lesenswertes und aufschlussreiches Buch nicht zuletzt auch für all jene „Wessis“, die im Osten überall nur Russen und Stacheldraht vermuteten und dass es dort angeblich nichts zu essen gab, wie einer der Gesprächspartner Voigts über „die Typen aus Westberlin“ sagte, die bei 
ihren Besuchen in Ostberlin die östliche Boheme bestaunten.

Die Ostboheme bestand laut Voigt mehrheitlich aus Verweigerern und weniger aus Oppositionellen. „Wir hatten alle Turnschuhe an und eine große Fresse“, zitiert sie den Dramatiker Lothar Trolle. Man lebte billig und musste nur einen Nachweis über eine Mindestbeschäftigung in irgendeinem Hilfsjob haben, um dem gefürchteten „Asozialenparagrafen“ zu entgehen, denn offiziell durfte es ja keine Arbeitslosen in der DDR geben.

Die Bedingungen für ein Leben „am Rande“ in der Boheme waren Voigt zufolge nicht schlecht in der DDR – Mieten und Krankenkasse waren niedrig, wenn auch die Versorgung damit entsprechend war, Brot und Schnaps waren billig. Außerdem übte die Boheme-
Szene eine gewisse Anziehungskraft aus.

Lieber schwul als konform

„Es gab junge Bohemiens, die sich allein deshalb für schwul erklärten, weil sie anders sein wollten als der genormte Durchschnittsbürger, lieber schwul als konform“, schreibt Voigt. „Man zog sich zurück, ohne sich mit der Macht anzulegen, ein kalter Entzug.“ Mit Politik hatten die „Hungerkünstler“, Punks und Tagträumer meist weniger am Hut, sie wollten aber auch keine „grauen Mäuse im Getriebe“ sein, darin ja nicht unähnlich der 
aufmüpfigen Jugendszene im Westen.

Sie wollten einfach nach ihren Vorstellungen leben, so unausgereift das auch gewesen sein mag. Wobei zwischen „freier“ und „angestellter Boheme“ unterschieden wurde, denn auch SED-Funktionärskinder oder wohlbestallte Künstler 
vermischten sich in der Boheme-Szene der DDR.

Die Jüngeren wollten weder was mit den „alten Schlaffis, die betrunken in den Ecken rumhängen“, noch mit den Dissidenten etwas zu tun haben, erinnert sich der Lyriker Bert Papenfuß aus der Prenzlauer-Berg-Szene. Als er seine ersten Gedichte schrieb, war die Stasi zur Stelle. „Wir hatten nichts zu lachen“, sagt die Schriftstellerin Katja Lange-Müller in dem Buch.

Voigt hatte beruflich Zugang zu vielen Treffpunkten und schildert die oft turbulenten Zusammenkünfte in ihrem Buch, das in diesen Partien manchmal auch Klatschcharakter hat.

  • Jutta Voigt: „Stierblutjahre – Die Boheme des Ostens“, Aufbau Verlag, 272 Seiten, 19,95 Euro.

von Wilfried Mommert

 
 
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