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Vom Ende der klassischen Familie

Theater in Marburg Vom Ende der klassischen Familie

„Last Visitor“ ist eine Ko-Produktion zwischen dem Marburger german stage service und der Berliner Gruppe United-Off-Productions. Das Stück ist diese Woche noch vier Mal zu sehen.

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Carsten Wilhelm, Miriam Kohler und Eneko Sanz (auf der Leinwand) bringen brüchige Familienstrukturen auf die Bühne.Foto: United-Off-Productions

Marburg. „Wenn dann erst mal die Renten ganz auslaufen, so 2035 wird das wohl sein, dann werden die Singles einfach verhungern.“ Constanze, Anfang 40, mit Uni-Abschluss in Literatur, dafür aber ohne Job, mit Teenagertochter, aber ohne festen Partner, ist sich sicher: Die Singles werden irgendwann aussterben.

Damit sind wir auch schon mittendrin im großen Thema des Berliner Regisseurs Dieter Krockauer und seiner jüngsten Schöpfung „Last Visitor - Der letzte Besucher“, die am Donnerstag im G-Werk Premiere feierte. Rund 50 Besucher sahen gebannt zu, wie ein Tag im Leben eines modernen Großstadthaushalts aussehen kann.

„Das, was unsere Constanze und die anderen Figuren in dem Stück erleben, spiegelt zum Teil klar die Lebenswirklichkeit meiner engsten Freunde und auch mir selbst wider. Klassische Familienstrukturen sterben in Berlin zusehends aus. Vor allem Akademikerinnen stehen oft als späte Eltern alleinerziehend da, und die große Freiheit bringt für viele vor allem die große Unsicherheit“, fasst Krockauer seine Erfahrungen zusammen.

Um diese modernen Entwicklungen und ihre Probleme zu transportieren, setzt der Regisseur auf eine extreme räumliche Nähe zum Publikum und dazu auf bewusst überspitzte Klischees. Denn natürlich hat Constanze neben dem vermeintlich jung gebliebenen Ex-Mann, der keinen Unterhalt zahlt, noch einen tatsächlich jüngeren Liebhaber, der allerdings auch nichts zahlt und darüber hinaus zu Familienplanung oder Treue ein postmodernes Verhältnis pflegt.

Chapierre heißt der basketballspielende Motorradfahrer, der vor lauter Potenz die eigene Lebensplanung eher aus den Augen verloren hat und auf Constanzes Mitteilung, schwanger zu sein, nur völlig konsterniert feststellt: „Das war nicht abgemacht.“

Ex-Ehemann Tom, der die beiden zufällig besucht, ist allerdings auch nur bedingt hilfreich bei ernsten Themen. Sein Vermögen hat er verspielt, das eigene Tonstudio läuft nicht, aber ein iPhone soll die Tochter dennoch bekommen. „Das finde ich gut für die Kommunikation!“ Tochter Hanna, 15 Jahre jung, bekamen die Zuschauer allerdings nicht zu sehen. Generell kommt Krockauer mit wenig Raum und Material aus.

Das Besondere am Stück ist, dass Szenen, die in den hinteren Privaträumen von Constanzes Wohnung ablaufen, per Kamera direkt auf eine Leinwand übertragen werden - à la Big Brother. Dabei leisten Chapierre und Constanze vollen Körpereinsatz. Sie macht gegenüber dem Ex-Mann unverhohlen klar: „Wir haben hauptsächlich Sex, reden aber auch viel und versuchen sonst, uns so wenig wie möglich zu sehen, damit es nicht zu alltäglich wird.“

Ob diese so freie und flexible Lebensführung aber für das Alter trägt, daran haben eigentlich alle Figuren ihre Zweifel. Verschärft werden diese Zweifel und Existenzsorgen, als Constanze vom Lebenspartner ihres Bruders erfährt, dass dieser einen Schlaganfall hatte und tagelang nicht gefunden wurde.

Ganz bewusst wirkt die Diagnose einer abermals per Leinwand eingespielten Ärztin wie der Schlag ins Gesicht aller freiheitsliebend Ungebundenen: „Eine komplette Wiederherstellung aller motorischen und kognitiven Funktionen wäre möglich gewesen, aber dafür hätte Ihr Bruder binnen drei bis sechs Stunden nach dem Schlaganfall gefunden werden müssen.“

Weitere Vorstellungen sind am 11., 12. und 13. Juni jeweils 20 Uhr und am 14. Juni um 18 Uhr.

von Marcus Hergenhan

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