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Vier Sternstunden mit Beethoven

Konzert-Marathon Vier Sternstunden mit Beethoven

Der Vorsitzende des Konzertvereins Dr. Friedemann Nassauer hat eine Vorliebe für „Marathons“. Der fünfte in dieser vor elf Jahren begonnenen Reihe war mit fast vier Stunden Spieldauer der längste.

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Der Geiger Kristóf Baráti und die Pianistin Klára Würtz musizierten im Audimax ein „Beethoven-Marathon“.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Bisher hatten sich die „Marathons“ des Marburger Konzertvereins ausschließlich dem Schaffen Johann Sebastian Bachs gewidmet: seinen sechs Cellosuiten, den sechs Violinsonaten und -partiten sowie den beiden Teilen des „Wohltemperierten Klaviers“, mit dessen zweitem Martin Stadtfeld vor einem Monat im Audimax zu hören war.

Am Wochenende stand erstmals Ludwig van Beethoven im Mittelpunkt: Die ungarischen Musiker Kristóf Baráti, der vor sieben Jahren den zweiten Bach-Marathon bravourös bestritten hatte, und Klára Würtz spielten im Audimax alle zehn Sonaten für Violine und Klavier – eine Premiere für beide, zu der sie der Konzertverein-Vorsitzende Dr. Friedemann Nassauer bewegen konnte, nachdem er voll Begeisterung ihre vor zwei Jahren vorgelegte CD-Gesamtaufnahme gehört hatte.

Würtz und Baráti spielten die zehn Sonaten nicht in der Reihenfolge ihres Entstehens, sondern wählten eine andere Dramaturgie, an der sie bis kurz vor Beginn feilten, womit die im Programmheft abgedruckte Reihenfolge Makulatur war.

Schlüssige Programmgestaltung, stimmige Wiedergabe

Sie komponierten drei in sich abgeschlossene Konzertprogramme, die auf Kontraste setzten und jeweils eines der drei besonders publikumswirksamen Werke enthielten: am Ende des ersten die düster-dramatische c-Moll-Sonate Nr. 7, dann nach einer 90-minütigen Pause am späten Samstagabend zu Beginn des zweiten Teils die vorwiegend heiter gestimmte F-Dur-Sonate Nr. 5, die „Frühlingssonate“.

Und den dritten Teil am Sonntagabend beendeten sie mit der virtuosen A-Dur-Sonate Nr. 9, der „Kreutzer-Sonate“, mit der Beethoven den Boden bereitet hat für die großen konzertanten Violin-Klavier-Sonaten der Romantik. Die zehn Jahre später als Nachzügler entstandene abgeklärt-poesievolle G-Dur-Sonate Nr. 10 erklang als Abschluss des zweiten Teils.

So schlüssig wie die Programmgestaltung, so stimmig war auch die Wiedergabe. Ungemein fein aufeinander abgestimmt geriet durchweg die klangliche Balance zwischen Klavier und Violine.
Die mühelos perlende, an Mozart geschulte Anschlagskultur der Pianistin, die sich, ohne zu forcieren, auch auf kraftvoll-titanenhafte Akzentuierung verstand, vermählte sich aufs Schönste mit dem außerordentlich differenzierten, nach innen gekehrten, aber dennoch warm leuchtenden Ton, den Baráti seiner Stradivari entlockte. Mühelos durchmaß er aber auch die virtuosen Passagen, ohne sich zu romantisierendem Überschwang verleiten zu lassen.

Zuhörer pflegen das „Ticketsharing“

Für ihn und seine Klavierpartnerin gelten alle zehn Sonaten offenbar als das Werk eines Klassikers. Und sie fassen zu Recht jede als Meisterwerk auf. So widmeten sie sich dem scheinbar nur geistvoll-musizierfreudigen Dreiergespann des Opus 12 mit derselben Intensität und Ausdruckstiefe wie den weit gewichtigeren späteren Werken – besonders eindrucksvoll zu erleben im dritten Teil, als Baráti und Würtz der in den Ecksätzen mit fulminanter Attacke musizierten „Kreutzer-Sonate“ die Nummern 2 und 3 aus Opus 12 voranstellten.

In den von beiden Musikern atemberaubend intensiv gesungenen langsamen Sätzen beider Werke kündigt sich bereits der großartige Variationensatz der A-Dur-Sonate an, bei dessen Wiedergabe für die Zuhörer die Zeit stehen zu blieben schien.

Um kurz nach halb sieben am Sonntagabend verklang der letzte Ton des „Beethoven-Marathons“. Ohne zu zögern, erhob sich das Publikum nahezu geschlossen von den Sitzen, um Baráti und Würtz für vier Kammermusik-Sternstunden zu danken. Beide strahlten und revanchierten sich mit einem Dacapo des Final-Rondos aus der Es-Dur-Sonate Nr. 3.

Knapp 500 Karten sind für den „Beethoven-Marathon“ verkauft worden, berichtet der Geschäftsführer des Konzertvereins Manfred Eckhardt – Motto: drei Konzerte zum Preis von einem. Wie viele Zuhörer tatsächlich alle drei Programme gehört haben, darüber lässt sich nur spekulieren.

Im zweiten Konzert am Samstagabend hatten sich die Reihen etwas gelichtet. Und es waren Besucher zu sehen, die im ersten Teil nicht dabei gewesen waren. Diesen Eindruck bestätigt Eckhardt: Einige Zuhörer hatten nach dem ersten Teil ihre Karten an der Kasse hinterlegt, um sie von Verwandten oder Bekannten abholen zu lassen – „Ticketsharing“ also.

von Michael Arndt

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