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Viel Theater für nichts?

Schauspieler treffen Politiker Viel Theater für nichts?

Schlechte Bezahlung, unsichere Arbeitsverträge, Konkurrenzdruck: Bundesweit trafen sich vergangene Woche tausende Theatermitarbeiter mit Abgeordneten, um sie auf Probleme im ihrem Beruf aufmerksam zu machen.

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Simon Meienreis (von links), Lene Dax und Karlheinz Schmitt vom Hessischen Landestheater nahmen an der Aktion „40 000 Theatermitarbeiter*innen treffen ihre Abgeordneten“ teil: Dax traf sich mit Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD), Schmit mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Stefan Heck und Meienreismit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Sören Bartol.

Quelle: Ruth Korte

Marburg. Auch einige Ensemblemitglieder des Hessischen Landestheaters Marburg haben sich an der Aktion beteiligt. „Wir proben jeden Tag von 10 bis 14 und von 18 bis 22 Uhr, am Samstagmorgen von 10 bis 14 Uhr. Dazwischen müssen wir Texte lernen, Sekundärliteratur lesen, Kostüme anprobieren. Dazu kommen natürlich die Aufführungen - auch am Wochenende“, erklärt Karlheinz Schmitt, Ensemblemitglied am Hessischen Landestheater Marburg, den typischen Alltag eines Schauspielers. Eine 48-Stunden-Woche sei die Regel, häufig seien es aber bis zu 60 Stunden - bei einem Mindestlohn von etwa 1.765 Euro. „Das ist ein Witz“, findet Dramaturg Simon Meienreis.

„Wir sind Sklaven des Theaters“

Seit der Sommerpause des Hessischen Landestheaters Marburg vom 8. Juli bis zum 22. August 2016 habe sie "drei freie Tage gehabt", sagt Lene Dax. „Aber nur auf Rückruf wegen der Residenzpflicht.“ Das bedeutet, man hat zwar frei, muss aber, wenn ein anderes Ensemble-Mitglied beispielsweise wegen Krankheit ausfällt, einspringen. „Wir sind Sklaven des Theaters“, drückt es Schmitt drastisch aus. „Verstehen Sie uns richtig: Wir fühlen uns am Theater in Marburg grundsätzlich wohl und haben tolle Chefs. Wir lieben unseren Job, aber irgendwann ist eine Grenze erreicht, und die ist jetzt“, so Meienreis.

Um auf die Bedingungen aufmerksam zu machen, unter denen Theater gemacht wird, fand letzte Woche die bundesweite Aktion „40 000 Theatermitarbeiter*innen treffen ihre Abgeordneten“ statt - und zwar auf allen Ebenen der politischen Vertretung: von der Stadträtin über die Abgeordneten bis hin zum Landes- und Bundesminister. Und das war offenbar nötig: Viele Abgeordnete waren überrascht von den Arbeitsbedingungen am Theater. „Stefan Heck hatte keine Ahnung, wie Arbeit am Theater abläuft“, berichtet Schmitt, der sich mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten traf. „Für mich war es spannend zu erfahren, wie der Arbeitsalltag eines Schauspielers aussieht. Er ist wenig vergleichbar mit anderen Berufen“, resümiert Heck. Für ihn steht fest: „Der Job muss vernünftig bezahlt werden.“

Auch dem SPD-Bundestagsabgeordneten Sören Bartol, der sich mit Meienreis getroffen hat, ist bewusst geworden: „Wenn man sich die Arbeitszeiten, die Residenzpflicht und die Spannbreite des Gehaltes zwischen einem Intendanten und einem kleinen Künstler anschaut, schreit das nach Veränderungen.“ Von der bundesweiten Aktion war er überrascht: „Seit 14 Jahren, die ich im Bundestag bin, habe ich noch nicht erlebt, dass jemand aus dieser Branche zu mir kommt, um mit mir eine Grundsatzdiskussion mit einem klaren Ansatz zu führen. In vielen anderen Bereichen ist das Standard.“

"Theater muss Empörung auslösen"

Der Knackpunkt: „Ich bezahle nicht das Landestheater. Das ist Aufgabe des Landes Hessen und der Stadt Marburg.“ Das sieht Heck anders: „Auch Berlin muss einen Teil dazu leisten.“ Man arbeite an einem Gesetz, das die Situation vieler Kreativer verbessern soll. Heck beobachtet: „Da wird oft nicht auf Augenhöhe verhandelt - hier ist der Gesetzgeber ganz deutlich gefragt.“

Bei Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies stieß Lene Dax auf offene Ohren. Einer seiner Sätze blieb ihr besonders im Gedächtnis: „Das Theater muss ein Maß an Empörung auslösen, die eine Debatte an sich auslöst.“ Genau das bezwecke das Hessische Landestheater mit Stücken wie „Furcht und Ekel“ bereits, sagt Dax. Trotzdem werde das Theater nicht so besucht, wie es sollte. „Obwohl das hier eine Universitätsstadt mit vielen Studenten ist, haben wir häufig das Problem, dass wir wunderschöne Stücke vorbereiten, aber kaum jemand kommt. Dabei sind die ermäßigten Preise nicht anders als die im Kino.“

Auch wenn sich nicht alles ändern wird - für Meienreis sind die Gespräche mit den Politikern „erste Schritte aus einer Haltung des Jammers in der Theaterkantine und ein Anstoß für Kulturschaffende, für sich etwas zu bewirken.“

von Ruth Korte

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