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Viel Spaß mit dem „weißen Rössl“

Operette Viel Spaß mit dem „weißen Rössl“

Moralische Anstalt, Denkanstoß, Formenlabor: Theater kann so vieles sein. Wobei eines nicht vergessen werden sollte: Theater darf auch richtig Spaß machen.

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Bisweilen trieft die Ironie, wenn etwa der Chor beim Liedvortrag Milchkannen schwingt.

Quelle: Rolf K. Wegst

Gießen. Ein gelungenes Beispiel dafür hatte mit der Operette „Im weißen Rössl“ zur Musik von Ralph Benatzky am Samstagabend am Stadttheater Premiere.

Selten erlebt man in diesen Mauern ein so ausgelassen heiteres Publikum, das bei Thomas Goritzkis Inszenierung ordentlich was zu lachen hatte. Das hat aber tatsächlich etwas mit Kompetenz zu tun: Goritzki und der musikalische Leiter Florian Ziemen haben eine Version geschaffen, die deshalb Laune macht, weil sie auf ganz hohem Niveau spielt.

Das spiegelt sich in der Größe der Produktion wieder, an der mit Musiktheater, Schauspiel, philharmonischem Orchester, Chor, Kinder- und Jugendchor sowie der Tanzcompagnie alle Sparten des Hauses beteiligt sind. Goritzki gelingt es nicht nur, dieses große Personal zu bändigen. Nein, der Regisseur hat ein gut abgestimmtes Wechselspiel zwischen dialogisch orientierten Momenten und üppigen Massenszenen geschaffen, die bisweilen vor Ironie nur so triefen. Heimattümelei? Utopien von der heilen Welt?

Beides nimmt der erfahrene Regieprofi genüsslich aufs Korn, wenn er etwa die Mitglieder des Chors während eines Liedes auf der Bühne Milchkannen schwenken lässt. Apropos Bühne: Heiko Mönnich, der auch für die im ursprünglichen Wortsinn feschen Kostüme verantwortlich zeichnet, hat es mit seinem Purismus genau richtig gemacht. Denn die Personalmassen hätten kein wuchtiges Bühnenbild vertragen.

Stattdessen hat Mönnich eine Berglandschaft und ein Rudiment des weißen Rössl geschaffen, um ansonsten etwa bei der Ankunft von Ausflugdampfern auf kleine und feine Requisiten zu setzen.

Hut ab vor diesem Konzept und der feinen Abstimmung zwischen Regie und Ausstattung, die Sängern und Darstellern viel Raum lässt, um die Rössl-Geschichte um die Liebe und ihre vielen charmanten Verirrungen auf die Rampe zu bringen. Und das Riesenensemble unter anderem mit Judith Peres als Josepha Vogelhuber, Tomi Wendt als Zahlkellner Leopold Brandmeyer oder Naroa Intxausti in der Rolle der Ottilie Giesecke, zeigte sich bei der Premiere bestens aufgelegt. Sowohl stimmlich, denn die bekannten Nummern von Benatzky, Bruno Granichstaedten, Robert Gilbert und Robert Stolz kamen richtig gut rüber. Als auch tänzerisch und schauspielerisch, wobei Pascal Thomas Performance von Sigismund Sülzheimer sicher einer der Höhepunkte war.

Eine glänzende Leistung lieferte erneut der Chor unter der Leitung von Jan Hoffmann ab. Ebenso wie das von Ziemen dirigierte Orchester, das die von Matthias Grimminger und Henning Hagedorn rekonstruierte Originalfassung von 1930 spielt. Kurz, ein betörender Abend im Großen Haus mit einer gewaltigen Produktion, die sich Musiktheaterfreunde nicht entgehen lassen sollten.

Weitere Aufführungen am 7. und 15. November, 10. Dezember, 29. Januar, 14. Februar, 20. März, 30. April, 22. Mai, 4., 5. und 17. Juni sowie am 8. Juli um 19.30 Uhr, am 31. Dezember um 18 Uhr und am 17. Januar, 6. März und 8. Mai um 15 Uhr.

Weitere Informationen auch im Internet unter www.stadttheater-giessen.de.

von Stephan Scholz

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