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Verstörendes Theater am Puls der Zeit

"Buch.Bühne.Büchner" am Stadttheater Gießen Verstörendes Theater am Puls der Zeit

2013 ist das große Büchner-Jahr: Vor gut zwei Wochen präsentierten freie Marburger-Theatergruppen ihre Büchner-Suche. Am Samstag hatte ein großes Mehrspartenprojekt in Gießen seine Uraufführung.

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Thomas Goritzki und Richard van Schoor haben ein bildgewaltiges Fanal auf die Bühne gebracht. Foto: Janeck.

Quelle: Dietmar Janeck / Dietmar.Janeck@

Gießen. Keine zwei Wochen mehr, dann beginnt in Gießen das große Theaterfestival „Büchner international“. Am Stadttheater wusste man die Vorfreude schon jetzt zu steigern, denn am Samstagabend hatte das Mehrspartenprojekt „Buch. Bühne. Büchner - Stationen einer Jagd“ von Thomas Goritzki und Richard van Schoor Premiere. Heraus gekommen ist ein verstörendes und gelungenes Stück Theater, das sich gewöhnlichen Bewertungskriterien entzieht.

Und auch das Wort vom „Theaterstück“ verbietet sich im Grunde genommen, denn Goritzki, verantwortlich für Buch und Regie, und van Schoor, zuständig für Komposition und musikalische Leitung, haben eher ein bild- und klanggewaltiges Fanal auf die Bühne gebracht.

In einer fast brachialen Symbolsprache erzählen sie von Georg Büchner und seiner Zeit. Der Zuschauer wird weniger auf rationaler als vielmehr auf intuitiv-emotionaler Ebene angesprochen, und das ist höchst verdienstvoll. Denn gerade bei Büchner besteht bei verstandesmäßiger Annäherung die Gefahr, seine vorwiegend politischen Gehalte ausschließlich im historischen Kontext aufzufassen und dabei eine Art Barriere der Historizität aufzubauen.

Genau die umgehen Goritzki und van Schoor, indem sie mit einem gewaltigen Personalaufwand - der mit dem Schauspielensemble und dem Tanz- und Musiktheater alle drei Sparten des Hauses einbindet - den Zeitkontext des Vormärz bildlich und klanglich darstellen und sich so an die Gefühlswelt des Betrachters wenden. Das geht soweit, dass vertiefte Dialoge praktisch nicht vorkommen und beispielsweise ein langer Monolog von Anne-Elise Minetti als Büchnerin in eine Art endloses Gestammel mündet.

Kurzum, diese Inszenierung, die man eher als Performance bezeichnen sollte und deren opulente Bühne und Kostüme von Heiko Mönnich stammen, verlangt vom Zuschauer die Bereitschaft, sich in die Bildersprache einzufühlen.

Der Clou dieser Annäherung auf Ebene der weitgehend sprachfernen Empathie ist natürlich, dass beim Publikum das Empfinden für die gesellschaftlichen Probleme wie etwa die große Kluft zwischen Arm und Reich geschärft werden soll, auch um sie in der Welt des 21. Jahrhunderts wahrzunehmen. Diese Bewusstseinsschärfung gelingt, nicht zuletzt durch den Einsatz sehr starker Mittel wie etwa im Rahmen der Station „Hessischer Landbote“, die Goritzki selbst übernommen hat. In einem langen und dem einzigen sehr klaren Monolog berichtet er dem Publikum von seinen Schwierigkeiten, den Landboten auf der Bühne darzustellen. Sie hätten zu seiner Entscheidung geführt, ihn persönlich vorzutragen.

Das tut der Mann dann auch, allerdings nicht einfach so. Um die Entblößung des einfachen Volkes zu zeigen, entblättert sich der Regisseur dabei, und zwar vollständig. Gerade der letzte Schritt dieser Entblößung kam am Premierenabend allerdings augenscheinlich nicht bei jedem an, und der Blick durch die Zuschauerreihen ließ in manchem Gesicht Bestürzung erkennen. Trotzdem war es ein gelungener Effekt, der den Mut der Inszenierung, den kanonisierten Büchner unkonventionell aufzurollen und angestaubte Patina abzuschütteln, auf den Punkt brachte. Die Performance „Buch. Bühne. Büchner“ bewegt sich am Puls der Zeit.

Weitere Aufführungen finden statt am 22. und 30. Juni jeweils um 19.30 Uhr im Großen Haus.

von Stephan Scholz

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