Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 1 ° Regenschauer

Navigation:
Verloren im Strudel der Zeitenwende

OP-Buchtipp: Alexander Osang: „Comeback“ Verloren im Strudel der Zeitenwende

Eine DDR-Rockband überlebt den Mauerfall und sich selbst. Die Geschichte der fiktiven Band „Die Steine“, die der „Spiegel“-Journalist und Autor Alexander Osang aufgeschrieben hat, dreht sich weniger um Musik als um Liebe. Das ist gut.

Voriger Artikel
Ein neuer Ort der Kunst für Marburg
Nächster Artikel
Spione, Schatzsucher und Schüler

Der Journalist und Schriftsteller Alexander Osang blickt auf fiktive Wende-Schicksale. Foto: Jens Kalaene

Quelle: Jens Kalaene, S.-Fischer-Verlag

Ein Lied ist immer irgendwann zu Ende, aber man kann es ja nochmal spielen. Von Hit zu Hit rockt sich die DDR-Band „Die Steine“ durch die 80er Jahre, dann fällt die Mauer. Fünf Bandmitglieder taumeln jahrelang durch ein neues Leben – am Ende steht die Band wieder zusammen auf der Bühne.

Alexander Osang zeichnet in seinem Roman „Comeback“ ein facettenreiches Porträt einer fiktiven Band, in dem der größte Raum dem Innenleben der Musiker und der Menschen um sie herum gilt. Dabei entstehen melancholische Porträts von Verliebten und Verlorenen.

Über drei Jahrzehnte erstreckt sich die Geschichte der Band „Die Steine“, von denen Osang im Nachwort betont, dass sie nicht die Geschichte der Rockband Silly oder die der Berliner Band Pankow sei. „Die Steine“ hat es also nie gegeben, die Protagonisten sind erfunden, aber das ist egal – ihre Probleme sind universell. Wer will ich sein in diesem Leben? Und mit wem will ich es teilen?, fragen sie sich.

Liebeskummer und die Stasi

Da ist zum Beispiel Sängerin Nora, die nach dem Mauerfall ihr Glück in New York sucht und natürlich nicht findet: „Es gab keine Aschenbecher, keine Schallplatten mehr, offenbar war Nora nicht nur auf einem neuen Kontinent angekommen, sondern in einer neuen Zeit“, heißt es. Verloren treibt sie dort durch die Tage, während sie in Deutschland wiederum nicht nur einem Mann im Kopf herumspukt.

Da ist zum Beispiel Gitarrist Alex, der irgendwann begreift, dass er Nora liebt, und dann – weil es zu spät ist – umso mehr leidet. Tatsächlich ist der Liebeskummer das, was ihn gar mit der Stasi verbindet. Zumindest mit jenem Mann, dem er regelmäßig Bericht erstattet über die Band. „Die Frau war weg, das Land fiel auseinander. In den großen gesellschaftlichen Stürmen gingen die privaten unter“, schreibt Osang über zwei Männer, die trinken, um zu vergessen.

Nicht weniger verloren ist Bassist Paul, bei dem die Frauen wechseln wie die Jahreszahlen und nur Tochter Emma eine Konstante bildet. „Der Platz auf seinem Fenster war nur die Bühne, auf der er beobachtete, wie die Zeit verging“, heißt es über ihn. Auch Pauls Tochter erfährt Liebe als Unglück und flieht nach Los Angeles. Bringen tut es nichts. „Sie ging immer noch zum Meer, aber oft hatte sie das Gefühl, auf eine tapezierte Wand zu starren.“

Einzelschicksale stärker als die ganze Geschichte

In elf Kapiteln lässt Osang mit Sätzen wie diesen in das Innenleben seiner Figuren blicken. Alle sind aus der Sicht eines anderen Protagonisten geschrieben und in unterschiedlichen Zeitebenen von 1982 bis 2014 angesiedelt. So fügt sich ein großes Bild – die Geschichte einer Band, die goldene Zeiten hat und später vor allem die Erinnerung daran.

Osang ist mit „Comeback“ ein kurzweiliger Roman gelungen, bei dem die einzelnen Geschichten seiner Protagonisten stärker sind als das große Bild, das der 52-Jährige damit zeichnen will. Schlimm ist das nicht. Die kleinen Momente sind auch im Leben oft besser als das große Ganze.

  • Alexander Osang: „Comeback“, S. Fischer, 288 Seiten, 19,99 Euro.

von Alexandra Stahl

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr