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Urban Priol sucht den Wahlkampf

Kabarettist in Marburg Urban Priol sucht den Wahlkampf

35 Jahre auf der Bühne, da kann man schon mal auf „Gesternheutemorgen“ schauen. Urban Priol tut es gewohnt aufgeregt. Und stellt fest, dass so einiges von gestern noch heute aktuell ist.

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Urban Priol mit alkoholfreiem Weizen und der Sturmfrisur, für die Ilonka, eine lernunwillige ­Spätaussiedlerin, verantwortlich war.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Einmal von rechts nach links, hinters Stehpult und unter den Tisch geschaut – „ich such was“. Kaum auf der Bühne im ausverkauften Erwin-Piscator-Haus, verbreitet Urban Priol die ihm eigene Hektik. „Ich such den Wahlkampf.“ So früh wie am Sonntag zuvor sei er noch nie beim Tatort eingeschlafen, kommentiert er das ­TV-Duell der Kanzlerkandidaten: vier ­Ermittler, zwei Verdächtige und am Ende weiß man nicht, wer der Mörder ist.

Die ZDF-Zuschauer hätten sich gar nicht groß ­umstellen müssen, ganz Rosamunde Pilcher sei das gewesen, „zwei ­Möwen im Wind“. Und das Publikum von Sat1 und RTL hätte sich wohl gefragt, „wer von dene zwei muss jetzt ins Dschungelcamp?“. Politik und „Unterschichtenruhigstellungssender“, die „Generation Luftpumpe“ in Europa und die Alterspyramide als „Spaltpilz“: Urban Priol ist in Rage und damit ganz in seinem Element.

So einiges, was er schon vor Jahren in seinen Programmen hatte, das könnte er heute eins zu eins wieder bringen. „Des is des, was ich in all den Jahrn erreicht habe?“ Mit Kohl habe er damals angefangen 1982, „und mit seinem Mädchen werde ich enden – wann auch immer“, so der Kabarettist. Wohl nicht vor 2033. Mit Merkel, er nennt sie „Lady Pattex“, habe ihn der Ehrgeiz gepackt, gesteht Priol: „Du gehst nicht vor ihr!“

„Der Beifahrer hält’s Maul“

Natürlich bekommen auch diverse andere Politiker ihr Fett weg, vom „bayrischen Diktatorenbeschmuser“ Seehofer bis hin zu „Feinrippdödel“ Christian Lindner. Die Grünen, das ist nach Priols Analyse „die FDP mit Fahrrad“, die Maut für Ausländer „das sinnvollste Projekt seit dem Turmbau zu Babel“ und unser Verkehrsminister Namensgeber für das psycho­logische Phänomen eines krank­haften Festhaltens an einem Weg, nur wenn man ihn einmal eingeschlagen hat: Morbus Dobrindt.

Wer übrigens gedacht hat, dass Urban Priol chronisch die Haare zu Berge stehen vor lauter Aufregung, der wird eines Besseren belehrt. Ilonka ist schuld an der Frisur. Lernunwillige Spätaussiedlerin, für die sich der Kabarettist noch zu Studienzeiten in einem Projekt als Freiwilliger zum Üben zur Verfügung stellte. Überhaupt, das Studium. Eigentlich eine geile Zeit sei das gewesen – „weil wir welche hatten“. Heute werden junge Leute nach dem Turbo-Abi durch den „Turbo-Bachelor-Master-ich hab keine Ahnung vom Leben-Scheiß“ gejagt, um mit 20 auf der Straße zu stehen. Obwohl es den Personenbeförderungsschein fürs Taxi erst ab 21 gibt. Burnout – das war früher, wenn es auf der Party nix mehr zu rauchen gab, und autonomes Fahren hieß, „der Beifahrer hält’s Maul“.

Selbstfahrende Autos will Urban Priol ebenso wenig wie Journalisten, die sich ausreden lassen. Wohin sind die Zeiten des „Kommissars“, wo die Sekretärin morgens um zehn randvoll gefüllte Cognac-Schwenker brachte? Und was stellen wir mit der Zukunft an? „Es gibt so viel, über das wir uns aufregen könnten, über das wir uns aufregen müssten“, stellt Priol fest. Stattdessen: Konsens. Nix Streitkultur. Aber Hauptsache, das Feindbild steht. Und dafür taugt, selbst wenn Flüchtlinge, Griechenland und Terror einmal abgehakt sein sollten, im Zweifel immer noch der Russe.

Bruce Willis im Gespräch mit Horst Köhler

Priol stellt großartige Fragen. Was Politiker tagsüber so rauchen. Warum in Krankenhäusern angesichts des Drucks, Gewinn erwirtschaften zu müssen, nicht längst Bettpfannen fliegen zum Protest. Und ob man sich selbst anzeigen muss beim Finanzamt, wenn man mit dem Popcorn aus dem Kinosaal, das dort nur mit 7 Prozent besteuert wird, ins Café marschiert, wo auf dasselbe Popcorn 19 Prozent geschlagen werden dürfen. Die Zeiten seien „gaga“. „Machen wir das Beste draus“, lautet die Aufforderung zum Schluss.

Den großen Applaus lässt Urban Priol gar nicht erst lang werden. Er möchte statt des warmgewordenen alkoholfreien Weizenbiers endlich ein kühles Getränk und er wird Autogramme geben, kündigt er an. Dass er weitere 35 Jahre Kabarettist bleiben sollte, beweisen allein schon die Minuten, in denen er darstellt, was passieren würde, wenn Bruce Willis in Deutschland nach dem Präsidenten verlangen würde und Horst „die alte Husche“ Köhler ans Telefon bekommen hätte. Großes Kabarettistenkino!

von Nadja Schwarzwäller

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