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"Untermorgen übergestern" im Rathaus

Literatorium der NLG "Untermorgen übergestern" im Rathaus

Anlässlich des 40. Jahrestages der Neuen Literarischen Gesellschaft fand am Dienstag im Rathaussaal die Uraufführung des Literatoriums „untermorgen übergestern“ statt.

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Wenn Wort, Musik und Bewegung zu einer Einheit verschmelzen.Foto: Florian Gaertner

Quelle: Florian Gaertner

Marburg. Die Texte kamen von Ludwig Legge, Vorsitzender der Neuen Literarischen Gesellschaft (NLG), und wurden von Pianistin Roswitha Aulenkamp vertont. Es war ihre dritte gemeinsame Uraufführung.

Bereits in den 1970er-Jahren verfasste Legge das Buch, aus dem die Texte stammen. Die wahre Brisanz seiner autonomen Wörter wurden jedoch erst in der heutigen Zeit deutlich. Die Komponistin las die Texte und konnte sie förmlich hören. Über eine Zusammenarbeit von mehreren Jahren entstand so das Literatorium „untermorgen übergestern“, das eine Symbiose von Literatur und Oratorium darstellt.

Von melancholischbis aggressiv

Es handelt sich also um eine musikalische Übersetzung der Texte, geschrieben für Klavier, Saxophon, Schlagzeug und Stahlcello - letzteres ein Instrument dessen Töne am ehesten mit einem atmosphärischen Klanggewitter vergleichbar sind. Musik und gesprochenes Wort wurden zusätzlich von einer Tänzerin kraftvoll interpretiert. Daher konnte man nicht mehr von einem traditionellen Konzert sprechen: Die Veranstaltung ließ sich vielmehr als Gesamtkunstwerk beschreiben. Die Texte waren nicht nur eine inhaltliche Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen, sondern auch ein Spiel mit dem freien Wort.

Es war ein Ansatz, der die Wirklichkeit nicht durch konservative Satzschemata ausdrückt, sondern sich stattdessen an Assoziationsketten, Sprichwörtern oder Werbeslogans bediente.

Diese selbstständig gewordenen Wörter Legges wirbelten und tobten dem Hörer im Kopf herum, nahmen ihn gefangen und führten ihn auf eine Gedankenreise. Allerdings nicht mit dem Luxusdampfer durch die Südsee, das war schon nach wenigen Minuten klar.

Vielmehr behandelte Legge urbane Themen, die wir zwar sehen, aber nie richtig wahrzunehmen scheinen. Die Illusion des Geordneten zerfällt und es treten die Probleme zu Tage, deren wir uns sonst nicht bewusst sind, beispielsweise die Schnelllebigkeit des Alltags und die Oberflächlichkeit der Konsumkultur.

Der Ton in Legges Texten war auffordernd, teilweise melancholisch und ironisch, hier und da auch aggressiv. So unterschiedlich die Texte auch waren, musikalische Übersetzung und Intonation mit dem Inhalt stimmten jedes Mal überein.

Das Schlagzeug erschien hier als subtil stampfendes Metronom der uns alltäglich umgebenden Hektik. Das Saxophon zeigte sich mal versöhnlich, mal irrt es umher.

Stahlcello sorgt für metallene Kulisse

Das Klavier setzte die passenden Akzente und durch die langsamen metallenen Schwingungen des Stahlcellos verdichtet sich die musikalische Kulisse. All diese Klänge können sich auch zu einem lauten atonalen Ausbruch vereinigen. Wenn dies passiert, dann erklingt die volle unharmonische Wahrheit, die unter der euphemistischen Oberfläche brodelt. Auch Erna Weise, mit 94 Jahren das älteste Mitglied der NLG, war von der Darbietung begeistert.

von Johanna Wenzel

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