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Unterhaltsame Allmachtsfantasie

Thomas Brussig: „Das gibt’s in keinem Russenfilm“ Unterhaltsame Allmachtsfantasie

Thomas Brussig wurde Erzähler, weil er mit der DDR-Literatur nichts anfangen konnte. „Deren Probleme waren nicht meine Probleme. Deren Sprache war nicht meine Sprache.“

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Thomas Brussig hat einen satirischen Roman geschrieben, in dem die DDR bis heute existiert.

Quelle: S. Fischer Verlag

Aus dieser Einsicht speiste sich bereits 1995 sein spektakulär erfolgreicher und spektakulär satirischer Wenderoman „Helden wie wir“. Genau 20 Jahre später legt der gebürtige Ostberliner nun einen Entwicklungsroman in ähnlicher Tonlage vor. Nur dass der Ich-Erzähler dieses Mal nicht Klaus Uhltzscht heißt, sondern schlicht und ergreifend Thomas Brussig.

Es ist ein seltsames, ein konfuses Buch – und das will es mit Pauken und Trompeten auch sein. Der 50-Jährige bekräftigt seinen Lebenstraum, als gefeierter Großschriftsteller, gefürchteter Dissident und umschwärmter Frauenheld im deutsch-deutschen Rampenlicht zu stehen. Vor allem erinnert er auch seine Forderung nach persönlicher Integrität. Er wollte nicht so werden wie Christa Wolf oder Volker Braun, die das Land mit dem Reiseverbot verteidigten, aber selbst einen Reisepass besaßen. Die sich wie Sprecher des Volkes aufführten, ohne unter der Mangelwirtschaft zu leiden.

Thomas Brussig, der 1991 im Aufbau-Verlag mit dem Roman „Wasserfarben“ debütierte, könnte am Anfang seiner Karriere also wirklich diesen Schwur geleistet haben, erst in den Westen zu reisen, erst ein Telefon zu besitzen und erst ein verbotenes Buch wie „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ zu lesen, wenn das allen DDR-Bürgern möglich ist.

Die Wende 1989/90 bleibt aus

Das ist der strenge politisch-moralische Imperativ, an dem der Humorist seine halb reale, halb fiktive Autobiografie ausrichtet, die sich bis ins Jahr 2014 erstreckt. Satirisch und kabarettistisch lässt er es ordentlich krachen. Schon der Titel „Das gibt‘s in keinem Russenfilm“, eine Redewendung, die es nur in der DDR gab, signalisiert, dass die unglaublichsten Dinge zur Sprache kommen und dass die DDR noch einmal aktualisiert wird.

Denn die DDR hört im Roman einfach nicht auf zu existieren. Die Wende 1989/90 bleibt aus. Auf Honecker folgt Krenz und auf Krenz Gysi. Mit den Jahren etablieren sie einen „Kapitalismus unter Führung der Partei“, so etwa wie in China. DDR-Bürger dürfen nach einem innerdeutschen Abkommen plötzlich im Westen arbeiten, kommen aber gern wieder zurück, da sie in der DDR weniger Lohnsteuer zahlen.

Die Wälder in der DDR werden von der Armee gerodet und Windräder aus Holz gebaut. Sie liefern „Automobilstrom“ – auch für den Westen. Gegen diese „Elektrokratie“ wendet sich der berühmte Schriftstellerdissident Brussig und wird dafür mit perfiden Mitteln verfolgt. Aber natürlich durchschaut er die Machenschaften des großen Geheimdienst-Apparates.

Brussig liefert eine unterhaltsame Allmachtsfantasie. Nur einmal wird seine Hauptfigur schwach und besorgt dem kränkelnden Vater eine Chemotherapie im Westen. Ansonsten bleibt er ein unbestechlicher Kämpfer für Demokratie und Freiheit.

„Apfelkuchen-Angela“ wird seine Trauzeugin

Das alte Freiheitsgefühl bricht sich in diesem Buch Bahn, indem der Autor einen Wahnsinnsschabernack treibt. Fakten und Lügen sind kaum voneinander zu trennen. In das skurrile Tohuwabohu werden Protagonisten der Gegenwart zu Dutzenden verstrickt. Er setzt dem Rockmusiker Lutz Kerschowski, dem ehemaligen Rektor der Filmhochschule Babelsberg Lothar Bisky und dem Schriftsteller Heiner Müller ein Denkmal. Und „Apfelkuchen-Angela“ wird sogar seine Trauzeugin.

In seiner gegenwärtigen DDR fungieren Alexander Osang als Chefredakteur von Neues Deutschland und Wolfgang Thierse als Verleger, Sarah Wagenknecht spricht die Aktuelle Kamera und Ingo Schulze erhält den Nobelpreis. Auch Westdeutsche wie Udo Lindenberg und Günter Grass mischen im Panoptikum irgendwann mit. Neben Prominenten spielen auch weniger bekannte und erfundene Namen eine Rolle.

Und das ist ein Makel des Buches. Jüngere Leser, die den Politik- und Literaturbetrieb seit 1989 nicht kennen, werden mit den meisten Nebendarstellern wenig anfangen können. In dem überkonstruierten Leerlauf finden sich aber viele wunderbare Stellen. Thomas Brussig liefert seinen Kritikern augenzwinkernd Steilvorlagen, denn es fallen Sätze wie „Dein Buch quasselt mir zu viel“ oder „Wie kann man sich bloß so einen Käse ausdenken?“ Auch von den „Tücken des kontrafaktischen Erzählens“ ist die Rede.

Mittendrin schlägt die Erzählerfigur auch recht ernsthafte Töne an. Die negativen Erfahrungen als NVA-Soldat oder die wiederholte Verdächtigung, er sei selbst Stasi-Spitzel, werden nicht weggejuxt. Im Buch platziert Thomas Brussig auch Erlebnisschilderungen und Bekenntnisse, die er nicht humoresk anlegt. Frei nach der Devise „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.“

  • Thomas Brussig: „Das gibt’s in keinem Russenfilm“, S. Fischer Verlag, 384 Seiten, 19,99 Euro.

von Karim Saab

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