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Ungestillter Hunger nach dem Echten

Uraufführung von "paradies hungern" Ungestillter Hunger nach dem Echten

Zum Kriegsschauplatz wird die Bühne bei der Uraufführung von "paradies hungern" von Thomas Köck - einem privaten und einem politischem, einem Kriegsschauplatz der Bilder.

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Victoria Schmidt im Stück „paradies hungern“.

Quelle: Neven Allgeier

Marburg. Marburg. Bei „paradies hungern“ stand Regisseurin Fanny Brunner vor der Aufgabe, einen rhythmisierten, teilweise recht abstrakten und wenig handlungsorientierten Strom von Monologen und Gedanken in Bilder umzusetzen. Es agieren drei Menschen in der Krise - Krisen des Selbstbilds, Krisen der von ihnen erwarteten Bilder, Krisen der Gesellschaft. Klingt nicht sehr lustig, ist aber erstaunlich unterhaltsam umgesetzt.

Auf der Bühne der Blackbox krabbeln Roman Pertl, Victoria Schmidt und Oda Zuschneid zu Beginn als Affen aus dem Gebüsch. Voll Staunen befassen sie sich mit herumliegenden Fotoapparaten: Am Anfang war das Bild. Und heute, Jahrtausende später, sitzen wir laut Köck auf Bildersedimenten, unendlichen Schichten von Bildern, aus denen wir unser Weltbild beziehen, ohne zu wissen, was daran Wirklichkeit ist. Klar ist nur, dass all die Bilder uns überdauern werden und an die Stelle der Realität treten oder sogar die Realität sind.

Bilder von Annäherung, Aggression, Verzweiflung, Witz und Zartheit

Aus den Affen werden Ben, Caro und Maggie. Ben sitzt in seiner Wohnung und hat voll die Krise. Oder eigentlich mehrere. Maggie gerät auf der Straße in die Krise, in einer apokalyptischen Umgebung. Dann sind sie beide in der Wohnung, die sie schließlich zerstören. Oder sind das alles nur Bilder im Kopf? Kampfszenen, die sich aus Bilderfluten zusammensetzen, die scheinbar Realität werden, oder eben doch nicht. Am greifbarsten wird Caro, die aber eigentlich am weitesten weg ist, als Kriegsberichterstatterin, die auf der Jagd nach den immer krasseren Bildern ist, um den Markt zu befriedigen. Dass das, was sie zeigt, von vorneherein nicht geeignet ist, Realität zu transportieren, ist ihr vollkommen klar.

Die drei reden, trinken, kämpfen auf einer schwarzen Bühne, die wie ein leeres, zu füllendes Foto wirkt. Fanny Brunner hat diesen Text auf eindrucksvolle Weise versinnlicht, so dass das Fehlen von Handlung im klassischen Sinn kein Manko ist. Sie hat ganz viele Bilder gefunden, die sich zu den Bildern im Kopf der Theaterbesucher gruppieren, Bilder von Annäherung und von Aggression, von Verzweiflung, Witz und auch von Zartheit. Und die drei Darsteller schlüpfen mit einer Intensität in den Text, dass dieser auch dann lebendig wird, wenn er sich eigentlich recht hermetisch verhält. Am Ende, da sind sie die alten Affen, die den Bildern abgestumpft und zynisch begegnen.

Stück entwickelt trotz ein paar Längen Sogwirkung

Nun ist der Gedanke, dass wir von Bildern, die sich als Wirklichkeit gerieren, manipuliert werden, nicht ganz neu, so dass man relativ rasch weiß, worauf das alles hinaus will. Es ist deshalb wohl auch kein Zufall, dass große Teile des Publikums den Schlussapplaus 20 Minuten zu früh setzen. Zum Verständnis hätte man das Weitere auch sicherlich nicht mehr gebraucht. Doch auch wenn es ein paar Längen gibt und sich manches nicht erschließt, Köck hat einen Text geschrieben, der in Brunners Inszenierung über weite Strecken durchaus Sogwirkung entfaltet. Das Spiel der Darsteller tut seinen Teil dazu, dass es trotz einer Spieldauer von fast zwei Stunden nicht langweilig wird - und wäre allein schon ein Grund, sich „paradies hungern“ anzuschauen. Die Möglichkeit dazu besteht am Mittwoch, 28. Oktober, sowie am 3., 7. und 11. November.

Hintergrund
Das Stück ist der zweite Teil der „Klimatrilogie“ von Thomas Köck und entstand im Auftrag des Hessischen Landestheaters Marburg. Inhaltlich war es also bereits vom Autor angelegt, aus Marburg kam die Vorgabe, für drei Personen zu schreiben. Seine Trilogie über das „spätkapitalistische Paradies“ ist eine Hommage an die „Paradies“-Trilogie des Regisseurs Ulrich Seidl, der wie Köck Österreicher ist und laut Köck ebenfalls mit der fließenden Grenze zwischen dokumentarischem und fiktionalem Sprechen arbeitet. Die drei Filme wurden übrigens mit Trägern des Marburger Kamerapreises, Edward Lachman und Wolfgang Thaler, umgesetzt.

von Heike Döhn

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