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„Unerwünscht“ im Land der Hoffnung

Lesung im TTZ „Unerwünscht“ im Land der Hoffnung

„Unerwünscht“. So haben drei Brüder aus dem Iran ihr Buch über ihre Geschichte in Deutschland betitelt. Am Montag stellten zwei der drei Brüder das Buch im TTZ vor - auf Einladung der Studenteninitiative Goftogu-Dialog.

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„Wir wollten keine Zahl, kein Paragraf mehr sein, sondern Menschen mit Gefühlen und Bedürfnissen.“ Am Montagabend erzählten Mojtaba (links) und Masoud Sadinam von ihrem ehemaligen Leben als Asylbewerber in Deutschland. Foto: Julia Krekel

Marburg. „Gäste“, „Antragsteller“, „Asylsuchende“ - so beschreiben sich Mojtaba und Masoud Sadinam in den 9 Jahren bis zu ihrer Aufenthaltsgenehmigung, in den 16 Jahren bis zur Einbürgerung.

Sie und ihr jüngerer Bruder Milad haben ein Buch geschrieben, das ihre Stationen der Flucht, Verzweiflung und des Lebens in Deutschland schildert. „Unerwünscht“ heißt es und es ist ihre politische Aussage zum Asyl-Verfahren.

Die drei Brüder kamen 1996 mit ihrer Mutter aus dem Iran wegen akuter politischer Gründe mit gefälschten Pässen und einer Schlepperbande nach Deutschland. Obwohl die Lage im Iran für sie gefährlich war, wurde ihr Asylantrag mehrfach abgelehnt. Die Familie ging immer wieder in Revision, durch alle Instanzen. Sie hatten wenig Hoffnung, dennoch gaben sie nicht auf.

Sie versuchten sich „einzurichten“ in dem Auffanglager in Münster, einer ehemaligen Kaserne, und in dem Asylbewerberheim, in dem sie neun Jahre lebten. Die fehlende Bewegungsfreiheit von Asylbewerbern, die sich einzig und allein in dem Regierungsbezirk aufhalten dürfen, dem sie zugeteilt wurden, stehe in krassem Gegensatz zur Reisefreiheit innerhalb der EU, kritisieren die Brüder in ihrem Buch.

Es sind einzelne Momentaufnahmen und exemplarische Ausschnitte, welche die zwei Brüder Mojtaba und Masoud Sadinam am Montagabend vortrugen und die ihr neues Leben in Deutschland verdeutlichen. Die Zeit bis zur Aufenthaltsgenehmigung sei wie eine „dahinrasende Kutsche“ gewesen, „deren Ziel ich nicht kannte“, so Mojtoba Sadinam. Es sei schwierig gewesen, „hier zu sein, aber nicht akzeptiert zu werden“, eine „Zahl oder ein Paragraf“ zu sein und kein „Mensch mit Gefühlen und Bedürfnissen“.

Die drei Brüder schafften es trotzdem aufs Gymnasium, und begannen anschließend ein Studium. Ihre Mutter hatte es schwer, eine Arbeit aufzunehmen oder eine Ausbildung zu beginnen, denn Asylbewerber haben einen „nachrangigen Arbeitsmarktzugang“.

Das Kapitel „Mit dem Rücken zur Wand“ verdeutlicht treffend, mit wie viel Mühe ein neues Leben gestaltet wird. „Meine Heimat existierte nur noch in meinem Kopf, war Vergangenheit“, schildert Masoud Sadinam. Ihre Zukunft sehen sie ausschließlich in Deutschland, sie haben viele Pläne und Träume. Dagegen steht die Qual, Verzweiflung und die alltägliche Furcht vor der Abschiebung. 2005 erlangten die drei Brüder eine (vorerst zeitlich beschränkte) Aufenthaltsgenehmigung, im vergangenen Jahr wurden sie eingebürgert.

Die Lesung, die ein Teil der Veranstaltungsreihe zum Thema Migration des Weltladens war, lockte viele Interessierte ins TTZ Marburg, die angeregt mit den Autoren diskutierten.

Masoud, Milad und Mojtaba Sadinam: „Unerwünscht: Drei Brüder aus dem Iran erzählen ihre deutsche Geschichte“, Bloomsbury-Verlag, 256 Seiten, 16,99 Euro.

von Julia Krekel

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