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Undurchsichtig in der Welt der Attrappen

"Einladung zur Enthauptung" Undurchsichtig in der Welt der Attrappen

Mit einem Bühnenbild minimalistisch und kahl wie eine Gefängniszelle und einem raffiniertem Lichtspiel setzt das Hessische Landestheater „Einladung zur Enthauptung“ um.

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Das Hessische Landestheater arbeitet bei „Einladung zur Enthauptung“ mit einem schlichten Bühnenbild. Thomas Streibig steht in dieser Szene als Erzähler im Vordergrund, im Hintergrund (von links) Christine Reinhardt, Timo Hastenpflug und Johannes Hubert.

Quelle: Hessisches Landestheater

Marburg. Schon beim Einlass fängt das Schauspiel an. Der Raum ist in blaues Licht gefärbt. Cincinnatus C., dargestellt von Annette Müller, steht starr auf der Bühne und beugt ihren Oberkörper immer wieder nach vorne, als ob sie sich vor ihrem Publikum verneigen würde. Im Hintergrund dröhnt es tief und bedrohlich. Die letzten 20 Tage des Cincinnatus C. sind angebrochen. Es droht nicht der elektrische Stuhl, sondern die Axt. Doch wann, das weiß Cincinnatus nicht - auch nicht der Zuschauer. „Man hält seine Seele Tag für Tag in Bereitschaft und trotzdem werden Sie einen überraschen“, hält Cincinnatus die Situation fest.

Und so folgt man dem Gefangenen, dem „gnoseologischer Frevel“ vorgeworfen wird. Und in der Tat kann er mit seinen Mitmenschen nicht kommunizieren. Seine Undurchsichtigkeit in einer Welt transparenter Attrappen wird ihm zum Verhängnis. Sogar seine Mutter bezeichnet er als Parodie und siezt sie. Nahezu gleichgültig lässt er alles um sich herum geschehen. Er lässt sich vom Gefängnisdirektor (Timo Hastenpflug) wie ein Brett über die Bühne tragen, um dann kopfüber ins Wasser gesteckt zu werden oder wie eine Schachfigur auf den richtigen Platz gestellt zu werden.

Auch der chaotische Besuch seiner Ehefrau Marthe (Christine Reinhardt), die ihn immer wieder betrogen hatte, mit ihrer Familie scheint ihn nicht zu stören. Diese männliche Figur mit einer Frau zu besetzen, das passt zu dem Stück, zu der Hauptfigur, der alles egal zu sein scheint. Einzig die zwölfjährige Emmi (auch Reinhardt) scheint in ihm Hoffnung zu wecken. Doch ist Hoffnung innerhalb dieser schiefen, minimalistischen Bühne überhaupt möglich? Mit Quasselstrippe M’sieur Pierre (Johannes Hubert), dem neuen Zellennachbarn, keimt die Hoffnung erneut auf. Die Bühnenadaption von Vladimir Nabokovs Roman von 1938, umgesetzt von Dramaturgin Eva Bormann und Regisseurin Oda Zuschneid, überzeugt mit Schlichtheit und dem Spiel von Licht und Schatten.

Spätestens beim Einsatz des Stroboskop-Lichtes spürt man die beengte Situation Cininnatus’ am eigenen Leib. In der bildhaften Sprache von Erzähler Thomas Streibig erfährt die trostlos anmutende Szenerie etwas Leben. Inmitten eines für ihn grausamen Schauspiels beginnt Cincinnatus zu schreiben. In Briefen ordnet er seine Gedanken und entflieht der Welt, der er sich nicht zugehörig fühlt. Als sei er mitten in einem schlechten Schauspiel, das ihn höhnisch auslacht. „Einladung zur Enthauptung“ ist ein intensives Drama, das mit unserer oft scheinheilig wirkenden Welt ins Gericht geht.

von Mareike Bader

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