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Überraschung zum Spielzeitauftakt

Hessisches Landestheater Überraschung zum Spielzeitauftakt

Mitten in die Vorbereitungen zum Spielzeitstart am Samstag mit Lessings Klassiker „Nathan der Weise“ platzt die Bombe: Der erfolgreiche Intendant Matthias Faltz wird seinen 2018 auslaufenden Vertrag nicht verlängern.

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Der Jude Nathan (Karlheinz Schmitt) hockt inmitten des Chores. Das Stück „Nathan der Weise“ spielt zur Zeit der Kreuzzüge in Jerusalem.

Quelle: Hessisches Landestheater

Marburg. Wechsel gehören zum Theater. Schauspieler kommen und gehen, dies gilt auch für Regisseure und Intendanten. Dennoch kommt die Entscheidung von Intendant Matthias Faltz, seinen Vertrag nicht zu verlängern, für viele überraschend. „Ich bedauere dies, ich hätte ihn gerne auch länger in Marburg gesehen“, sagte Marburgs Kulturdezernentin Dr. Kerstin Weinbach am Mittwoch der OP.

Auch der Vorsitzende der Theaterfreunde, Jürgen Bandte, hätte ihn gerne bis 2010 in Marburg gehalten. Aber er weiß: „Es ist eine ganz natürliche Entscheidung für einen Intendanten.“ Für die Gesellschafter des Landestheaters, das Land Hessen und die Stadt Marburg, ist die frühe Entscheidung des Intendanten auch positiv, denn eine Intendantensuche ist ein langwieriger Prozess, der gut zwei Jahre dauern kann.

Sie sei sehr zufrieden mit der Arbeit von Faltz (kleines Foto), sagte Weinbach. Er habe das Theater erneuert, junge Besuchergruppen erschlossen und seine Arbeit kommt in der Stadt gut an. Sie weiß aber auch: „Bei Theatern ist ein Wechsel auch positiv, es ist immer spannend, neue Impulse zu haben.“

Genau das ist Faltz nach der Ära Ekkehard Dennewitz gelungen, der das Landestheater von 2001 bis 2010 leitete – eine unglaublich lange Zeit für einen Intendanten. So fällt auch das Zwischenfazit von Faltz selbst positiv aus, der die kommenden drei Spielzeiten mit „viel Leidenschaft“ angehen will: „Ich bin sehr zufrieden, bin weiterhin neugierig und enthusiastisch wie am Anfang.“

Rückblickend sagt er: „Wir haben uns im Laufe der Zeit ganz schön verändert, spielen nicht nur Klassiker, sondern viele junge Stücke. Und wir haben mit jedem Stück ein eigenes Publikum gefunden. Darauf bin ich stolz.“ Zumal auch die Finanzen stimmen. Das Theater schreibe keine roten Zahlen, das strukturelle Defizit abgebaut worden. Und auch überregional wird das Landestheater wahrgenommen. Einladungen zu Festivals und sehr viele Gastspielanfragen belegen den positiven Trend.

Warum also aufhören, wenn man in einer Stadt angekommen ist, Vertrauen spürt und akzeptiert wird, wie Faltz im Gespräch mit der OP betonte? „Ich glaube, dass Theater nur dann gut ist, wenn man neugierig ist. Nach acht Jahren ist es an der Zeit, zu wechseln. Das gilt sowohl für mich als auch für die Theaterbesucher, die eine neue Handschrift kennenlernen.“ Noch hat Faltz drei Spielzeiten vor sich, die er füllen will mit Experimenten, politisch relevanten Themen und mit großer Unterhaltung wie seinen Publikumshits „Cinderella“ oder „Blues Brothers“.

Stück unter den Nazis verboten

Der Start in die neue Spielzeit am Samstag wird auf jeden Fall spannend. Gotthold Ephraim Lessings Ideendrama „Nathan der Weise“ steht auf dem Programm. Es ist angesichts der Flüchtlingskrise, der erbitterten Religionskriege und des Terrors im Nahen Osten das Stück der Stunde. Humanismus, religiöse Toleranz und Vernunft sind die Schlagworte, die mit dem 1783 uraufgeführten Klassiker des Aufklärers Lessing verbunden werden. Die Nazis hatten das Stück verboten, weil der Jude Nathan so positiv dargestellt wurde. Bis heute ist das Stück, insbesondere die zentrale Ringparabel, Schulstoff.

Inszeniert wird der Klassiker in Marburg von einem jungen Regisseur: Nick Hartnagel ist 27 Jahre alt und arbeitet zum ersten Mal am Landestheater. Hartnagel, der in Hannover, Osnabrück und Tübingen inszeniert hat, hat den Klassiker gestrafft. Er wolle nicht den Rassismus der Pegida und den Terror des IS auf die Bühne bringen. Doch interessiere ihn die Frage: „Was bedeutet es für die Welt, wenn Religionen wieder so verführerisch sind, dass man für den IS in den Krieg zieht?“ Ist Nathans Vernunft nur ein dünner Firnis? Neben fünf Hauptdarstellern rückt er zwölf Marburger Jugendliche in den Blick, die als Chor mitwirken und auch das Bühnenbild sind.

  • Die Premiere am Samstag um 19.30 Uhr ist ausverkauft. Im Anschluss ist die Spielzeiteröffnungsparty mit Musik, Tanz und dem „Party-Kollektiv Marbylon“. Der Eintritt dazu ist frei.

von Uwe Badouin

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