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Überall droht der Sprachverfall

Sprachkritiker im Café Vetter Überall droht der Sprachverfall

Klemens Wielandt versteht sich als oberster Hüter der Sprache. So scheint es zumindest. Überall wittert er Sprachverfall, Sprachverderbnis, Bedrohung der Kultur.

Marburg. Um dies nachzuweisen, führte er am Sonntagvormittag im gut besuchten Café Vetter eine lange Liste von Indizien an, sein Referat war vor allem eine Aneinanderreihung von Beispielen. Klemens Wielandt wetterte auf Einladung der Neuen Literarischen Gesellschaft gegen den Verfall der deutschen Sprache. Anlass war der Internationale Tag der Muttersprache.

Als Hauptschuldige des allmählichen „Niedergangs“ hat Wielandt „die Medien“ und „die Politiker“ ausgemacht. Das Problem des Sprachverfalls sei „die Nachlässigkeit“ im Umgang mit der Sprache, als ein Beispiel nannte er die weite Verbreitung von Sprechblasen. Hier zitiert er vor allem die renommierte „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und einige Fernsehsender mit Begriffen wie „aktueller Zeitgeist“, „selbst erbrachte Eigenleistung“ oder „gütliches Einvernehmen“. Etliche Politiker kamen zu Wort: Christian Wulff schaffte es mit „Integration nach innen“ in seine Liste, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger mit „Handeln und Agieren“ und Claudia Roth mit „die Kluft klafft am weitesten auseinander“.

Der Autor beklagte nicht nur falsches und fehlerhaftes Deutsch, sondern vor allem das Verschwinden des Konjunktivs und des Genitivs. Auch die Verwendung von Modewörtern war ihm ein Dorn im Auge: Wörter wie „Zukunftsprognose“, „Fitnesszustand“ und „Service-Leistungen“ regen ihn auf.

Die Aufzählung von Beispielen zum Sprachverfall war zu Beginn noch ganz unterhaltsam, nach einiger Zeit jedoch recht ermüdend. Leider fehlte eine tiefergehende Analyse des vielschichtigen Problems. Welche Rolle spielen Eltern, Bildungseinrichtungen und Bildungspolitik? Was ist mit der Lebendigkeit von Sprache, die einem ständigen Wandel unterworfen ist? Woher kommen die vielen Anglizismen? Auf all diese Fragen gab es am Sonntag keine Antwort, eine Diskussion im Anschluss an den Vortrag fand nicht statt.

Wielandt arbeitete viele Jahre als Gymnasiallehrer und Schulleiter, leitete später in Hannover die Schulaufsicht über die Gymnasien und seit 1990 die Schulabteilung der Bezirksregierung. Seit 2003 lebt der 75-Jährige im Ruhestand. Er hat einige Bücher zum Thema Sprachverfall geschrieben.

von Bettina Preussner

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