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Turbulentes Spiel mit der Illusion

Das Dschungelbuch Turbulentes Spiel mit der Illusion

Am Samstag hatte „Das Dschungelbuch“ im ausverkauften Theater am Schwanhof Premiere. Bis in den Januar hinein wird das Familienstück gespielt. Kinder und Erwachsene werden sich ein wenig wundern.

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Mogli (Maximilian Heckmann) tanzt mit der Affenbande.
Foto: Arne Landwehr

Quelle: Arne Landwehr

Marburg. Wer kennt sie nicht, die Geschichte des Findelkinds Mogli, der im Dschungel lebt. Aufgewachsen bei Wölfen, wohl behütet von seinen Freunden – dem netten, tapsigen Bären Balu und dem klugen Panther Baghira.

Erfunden hat die Figuren 1894/95 der Engländer Rudyard Kipling, der 1907 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Doch wer heute an „Das Dschungelbuch“ denkt, meint nicht Kiplings Sammlung von verschiedenen Erzählungen, sondern den gleichnamigen Walt-Disney-Trickfilm aus dem Jahr 1967.

Dieser Film spielt zwar mit Kiplings Motiven, erzählt aber eine ganz eigene Geschichte mit neuen Figuren wie etwa King Louie, Colonel Hathi oder einer ziemlich schrägen Geiertruppe. Zentraler Bestandteil und Garant für den unglaublichen Erfolg des Films sind die vielen Songs, von denen einige wie der Hit „Probier‘s mal mit Gemütlichkeit“ auch in der Marburger Produktion zu hören sind.

Im „Dschungelbuch“ des Hessischen Landestheaters ist ansonsten vieles ziemlich anders. Regisseur Marc Wortel nutzt für seine Inszenierung die Theaterfassung von Matthias Lösch und Peter Seuwen. Und Wortel macht aus dem „Dschungelbuch“ kein fantasievolles Urwaldmärchen, sondern ein Stück im Stück. Damit verlangt er vor allem den kleinen Zuschauern ein hohes Abstraktionsvermögen ab. Denn die finden keinen Dschungel vor, sondern eine Theaterbühne, auf der das Dschungelbuch gespielt werden soll.

Vor Weihnachten gibt es also keine Dschungelträume, sondern stattdessen eine stark überzeichnete Theatergeschichte. Panther Baghira ist der Regisseur dieser Truppe. Artur Molin legt ihn als etwas tuntigen, ziemlich hysterischen „Ich-kann-so-nicht-arbeiten“-Künstler an. Baghira schmeißt Shir Khan (Stefan A. Piskorz), den Star der Truppe, raus. Der will eigentlich das Findelkind Mogli spielen, brüllt aber nicht zart genug, und wird kurzerhand gegen einen jungen Darsteller (Maximilian Heckmann) ausgetauscht, der im Publikum sitzt und nicht so recht weiß, wie ihm geschieht. Und kaum auf der Bühne, hat er schon einen Feind, eben den Tiger Shir Khan, der sich so etwas nicht bieten lässt und Mogli und einigen kleinen Besuchern klar macht: Ich fress‘ euch auf.

Auf der Bühne warten eine aufgeregte Regieassistentin (Leonie Rainer) mit Dressurpeitsche, der König der Affen (Gerard Skrzypiec) und die Schlange Kaa (Julia Glausewald als züngelnder Vamp), die sich mit betörendem Augenaufschlag sofort auf Mogli stürzt.

Und Bär Balu (Ogün Derrendeli), der heimliche Held des Films? Der ist der faulste Schauspieler von allen und kommt Pizza futternd und gekleidet in einen alten abgetragenen Bademantel natürlich wieder einmal zu spät zur Probe.

Verblüffend ist, wie sich aus dieser Theaterkonstruktion ganz allmählich die bekannten Motive des Films herausschälen – die Zuneigung zwischen Baghira, Balu und Mogli, die bedrohliche Gier des hungrigen Tigers Shir Khan, der nichts unversucht lässt, um den jungen Mogli in die mit dicken Ringen behängten Hände zu bekommen, die listenreichen Finten der Schlange Kaa.

Als Spielfläche dient eine etwas vergrößerte Bühne mit einem Steg, der in den Zuschauerraum hineinragt. Das Bühnenbild ist schlicht gehalten. Im Zentrum steht eine kleine, gemalte Dschungellandschaft, die dennoch den Blick freigibt auf den schwarzen Bühnenhintergrund mit Requisiten, Kabeln und Türen. Es geht Regisseur Wortel ja schließlich um das Spiel mit dem Theater, nicht um eine Dschungelillusion.

Dass in den 70 Minuten angesichts so dieser Irritationen dennoch viel Spaß aufkommt, liegt einerseits an der Musik, die live von dem Pianisten Jacob Bussmann gespielt wird, sowie an den Darstellern selbst, die sich mit großer Spielfreude in die oft turbulenten und haarsträubenden Szenen stürzen.

Am Ende gab es bei der Premiere viel Applaus für die Darsteller und die Inszenierung, die vermutlich Erwachsenen und Jugendlichen wegen der zahlreichen witzigen Anspielungen deutlich besser gefallen dürfte als den eigentlichen Adressaten.

Die Schulvorstellungen sind nahezu alle ausverkauft. Karten gibt es noch für die Familienvorstellungen am 29. und 30. November, am 6., 20. und 22. Dezember jeweils um 16 Uhr sowie am 20. Dezember um 18 Uhr.

von Uwe Badouin

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