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Tourauftakt in Märchenburg

Satiriker Heinz Strunk Tourauftakt in Märchenburg

Es war eine Premiere. Der Hamburger suchte sich für den Start seiner Showtour das KFZ in Marburg aus. 250 Zuschauer lauschten bizarren Beziehungswirren und mangelhafter Musik.

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Bei der Premiere seiner Showtour im KFZ schickte Heinz Strunk seine Romanfigur „Jürgen“ auf eine bizarre Partnersuche.

Quelle: Benjamin Kaiser

Marburg. Angeblich findet ­jeder Hans seine Grete. Ob jede­ Dose auch ihren Deckel findet beantwortet Heinz Strunk in seinem Roman „Jürgen“. Das im März erschienene Werk rückt den Hamburger Jürgen Dose in den Fokus, dem im fortgeschrittenen Alter das Single- und Loser-Dasein allmählich zu bunt wird. Daher macht er sich auf die Suche nach seiner Aphrodite in einem polnischen Bordell.

„Heute ist ein ganz besonderer Tag für mich. Tourauftakt in Märchenburg“, schleimt Strunk sich ein. Schon hat er das Publikum am Wickel und der Hamburger lässt nicht mehr locker. Es folgt nämlich weitgehend beste Unterhaltung. Bereits beim im vergangenen Jahr erschienenen Roman „Der goldene Handschuh“, für den Preis der Leipziger Buchmesse 2016 nominiert, rückte Strunk ein „armes Würstchen“ in den Fokus.

Verwandlung von Strunk zu Dose

Diesmal ist es jedoch nicht ein psychisch kranker Frauenmörder wie Fritz Honka, sondern der biedere Versager Jürgen Dose. Ein Mann, der die letzte Abfahrt mit der Aufschrift „Erfolg“ verpasst hat. Parallelen finden sich auch zwischen dem Protagonisten und dem Autor. Beide unverheiratet und ohne Kinder. Zumal der 54-jährige Strunk in den 2000ern die „Jürgen-Dose-Show“ im Radio moderiert hat.

Die Verwandlung von Strunk zu Dose: Anzug und Hemd weichen Schlabberpullover, Angler-­Jacke mit passender Mütze und Pilzfrisur-Perücke – wahrlich kein Hingucker. Und ab geht die wilde Fahrt in die mysteriöse Welt von Ares und Venus. Hinderlich natürlich, wenn der Protagonist als längst erwachsener Mann noch in einer Wohngemeinschaft mit Mutti wohnt. Strunk erklärt die Feinheiten zwischen Kennenlern- und Verführungs-Date und lässt Jürgen Dose die mageren Erfolgschancen von Speed-Dating und ­Dating-Apps spüren.

Derartige Bemühungen führen jedoch nur zu Begegnungen, wie mit der lambruscosaufenden Kettenraucherin Manuela, die für Dose nicht als Ehefraumaterial durchgeht. Gerade beim Beschreiben von Menschen läuft Strunk zur Höchstform auf und spickt sein Werk mit Stereotypen, die aufgrund der charmanten Einarbeitung nicht stören („Frauen interessieren sich für vier Dinge: Romantik und alles, was dazu gehört“). Ebenso gelungen sind die verschiedenen vogelwilden Charaktere,­ die mitunter aus dem Kuriositätenkabinett geflüchtet zu sein scheinen. Sie funktionieren vor allem, weil Strunk seinen Figuren mit Hamburger Platt bis nervtötenden Sprachfehler Persönlichkeit verleiht.

Songs sind ein Griff ins Klo

Seine Show nennt Strunk vollmundig „Multimedia-Power-Performance“. Zwar ist er ein vorzüglicher Romancier, doch so gut er erzählen kann, umso fragwürdiger sind seine Musikeinlagen. Es ist mittlerweile fast schon Usus bei ihm, dass er Schallplatten mit eigenen Songs begleitend zu seinen Romanen veröffentlicht. Zuletzt beim Buch „Das Strunk-Prinzip“ aus dem Jahr 2014. So auch diesmal. Die Platte trägt den Namen „Die gläserne MILF“, wobei er damit eine reife Frau als Lustobjekt meint. Doch wie vor drei Jahren werden Strunks musikalische Einschübe während der Lesung zum Trip ins rhythmische Jammertal.

Er spielt mehr schlecht als recht auf einer Querflöte zu Sounds vom Band und übt sich im dissonanten Sprechgesang. Zwar sind die Songtexte, die den Plot des Romans komplementieren, ab und an recht humorvoll, doch das kann die hohl wirkende Musik auch nicht herausreißen. Somit steht unterm Strich das Prädikat „wenig wertvoll“ und es stellt sich die Frage, ob die Musikeinlagen eher peinlich oder auflockernd wirken sollen. Zweiterem hätte es nämlich schon einmal gar nicht bedurft. Denn „Jürgen“ allein ­
bietet beste Unterhaltung.

  • Heinz Strunk: „Jürgen“, Rowohlt-Verlag, 256 Seiten, 19,95 Euro.

von Benjamin Kaiser

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