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Toller Start für die neue Spielstätte

Brecht-Premiere in der Galeria Classica Toller Start für die neue Spielstätte

Tempo, Spielwitz und viele originelle Ideen: Regisseur Marc Becker hat sich viel einfallen lassen für Bertolt Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“.

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Fleischbaron trifft Chef der Heilsarmee: der bereits blutverschmierte Pierpont Mauler (Michael Köckritz, links) verhandelt mit Paulus Snyder (Daniel Sempf) über Spenden gegen positive Darstellung. Unterdessen versucht sich Johanna (Marlene Hoffmann, unten links) gegen eine Reporterin (Victoria Schmidt) zu wehren.Fotos: Buseck

Quelle: Christian Buseck

Marburg. Das Marburger Theaterpublikum war neugierig auf das einstige Autohaus in der Schwanallee, das dem Hessischen Landestheater während des Stadthallenumbaus als Ausweichspielstätte dienen soll. Und am Ende waren wohl alle begeistert: In der Galeria Classica kann man tatsächlich Theater spielen, auch wenn es durch die niedrige Deckenhöhe im Obergeschoss für die Theatermacher merkliche Einschränkungen gibt.

Diese Defizite machte das Team um Regisseur Marc Becker, der mit dem Agit-Politdrama von Brecht sein Marburg-Debüt gibt, mit einer Fülle von originellen Einfällen wett. Man spürt schnell: Mit Becker, Harm Naaijer (Bühne) und Alin Pilan (Kostüme) sind erfahrene und kreative Theatermacher am Werk.

Und auch das äußerst spielfreudige Ensemble stürzt sich mit Verve in das Drama über Spekulanten, Ausbeuter, geschundene Arbeiter und eine verlogene Heilsarmee, die am Ende Johanna (Marlene Hoffmann) opfern wird, um gemeinsame Sache mit dem Erz-Kapitalisten Pierpont Mauler (Michael Köckritz) zu machen.

Köckritz, der unter Ekkehard Dennewitz Ensemblemitglied am Hessischen Landestheater war, begeistert mit seinem blitzsauberen, sehr intensiven Spiel. Er legt den Fleischbaron Mauler als knallharten Ausbeuter an, der jede Anwandlung von Skrupeln überwindet, und der wie alle anderen den kapitalistischen Gesetzen unterworfen ist. Nur will er nicht der Letzte sein, den die Hunde beißen.

Ihm steht Johanna Dark gegenüber, eine Heilsarmistin, für die Gott die einzige Rettung der Armen und Elenden ist. Anfangs zumindest. Marlene Hoffmann zeigt großartig den Wandel vom strahlenden, ebenso tapferen wie naiven Dummchen, das an das Gute im Menschen glaubt, hin zur Revolutionärin. Sehr bald erkennt sie, dass das Unglück eben nicht wie der Regen über die Menschen kommt. Dennoch sabotiert sie den Streik der hungernden Arbeiter und erst im Tod merkt sie, dass sie benutzt wurde.

Victoria Schmidt, Tom Bartels und Daniel Sempf schlüpfen gekonnt in alle anderen und sehr unterschiedliche Rollen, wobei insbesondere Sempf als Bösewicht zu gefallen weiß.

Bertolt Brecht hat „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ 1929/30 vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise geschrieben. Es ist ein antikapitalistisches Lehrstück, das erst 1953 in Deutschland uraufgeführt wurde und seit Ausbruch der Finanzkrise wieder häufig auf den Spielplänen deutscher Bühnen auftaucht.

Marc Becker, Regisseur und Hausautor des Oldenburgischen Staatstheaters, serviert kein dröges Politdrama: Er setzt das Stück temporeich, mit viel Witz und zum Teil drastischen Bildern in Szene und versucht immer wieder, Bezüge zur Gegenwart herzustellen.

Ausstatterin Alin Pilan hat die Darsteller in Plastikanzüge gesteckt. Bald weiß man warum: Theaterblut fließt in Strömen. Es ist das Blut der Tiere, die in den Schlachthöfen sterben, und das Blut der Arbeiter, die zum Wohle der Fleischbarone hungern.

Harm Naaijer hat die Bühne in die Breite gebaut: Im Hintergrund hängen Schweine- und Rinderhälften an der Decke, davor stehen die blutverschmierten Spinde der Arbeiter. Direkt vor die Besucherreihen mit Stühlen aus der Stadthalle hat Naaijer eine Küche platziert. Dort wird gekocht und gebraten - und gleich zu Beginn gibt es für die Theaterbesucher ein Süppchen der Heilsarmee. Und das ganz ohne ein Halleluja.

Mit dieser Auftakt-Inszenierung kann die Galeria Classica zum erhofften Publikumsmagneten werden, zumal das Landestheater alles getan hat, um das Haus herzurichten: Stuhlspenden, eine Theke und überdimensionale und gut ausgeleuchtete Theaterplakate machen das Erdgeschoss zu einem angenehmen Foyer.

Weitere Aufführungen der sehr sehenswerten Inszenierung sind morgen Abend (mit Einführung um 19 Uhr), am 4., 11., 13.,16., 20., 22. und 24. Oktober, jeweils ab 19.30 Uhr in der Galeria Classica, Frankfurter Straße 59.

von Uwe Badouin

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