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Toller Film mit ganz kleinem Budget

Regiedebüt des Marburgers Julius Schultheiß Toller Film mit ganz kleinem Budget

Heimspiel für Regisseur Julius Schultheiß: Er präsentierte am Dienstag im Cineplex seinen ersten und schon preisgekrönten Spielfilm „Lotte“. Prädikat: unbedingt ansehen!

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Regisseur Julius Schultheiß (von links) hat seine Hauptdarstellerin Karin Hanczewski und Kameramann Martin Neumeyer mit in seine Heimatstadt Marburg gebracht.

Quelle: Nadja Schwarzwäller

Marburg. Sein Erstlingswerk auf der Berlinale zeigen zu dürfen – das ist schon eine Riesensache. Es dann aber als Vorpremiere im Kino der Stadt zu präsentieren, in der man aufgewachsen ist – da kann man die Hosen mindestens genauso voll haben. Fürs Filmgespräch nach der Vorführung trinke er sich jetzt erst mal ein bisschen Mut an, sagte Julius Schultheiß bei der Begrüßung der 80 Zuschauer im Cineplex.

Zusammen mit seiner Hauptdarstellerin Karin Hanczewski und Kameramann Martin Neumeyer war er nach Marburg gekommen – in die alte Heimat. Der 31-Jährige ist hier geboren und aufgewachsen, zur Schule gegangen und Zivildienstleistender gewesen. Nachdem er die Kunsthochschule Kassel absolviert hatte, zog es ihn nach Berlin. Dort spielt auch „Lotte“ – und spiegelt in der Hauptfigur etwas von der Anonymität der Stadt, vom Gefühl zwischen A und B zu stecken, „nicht richtig anzukommen, aber ankommen zu wollen“, wider, wie Julius Schultheiß Berlin anfangs erlebt hat.

Krankenschwester Lotte ist all das hoch zehn. Wenn sie in Flip-Flops in die Kneipe nebenan marschiert, um einem Mann eine Platzwunde auf dem Billardtisch zu nähen, sich im Vorbeigehen eine Bierflasche schnappt und danach mit dem Trotz einer Dreijährigen den Griff des Küchenschranks nicht loslassen will, als ihr Freund sie rauswirft, ist schon mit den ersten Bildern klar: Hier will sich eine gar nichts sagen lassen. Freiheitsliebend bis weit über die Grenzen der Verantwortungslosigkeit; „ein schwarzes Loch“, sagt der Freund. Brüsk und burschikos, rotzfrech und komplett unerschrocken kommt Lotte daher.

Zumindest bis zu dem Moment, als sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird. Mit ihrer Tochter, die sie vor 15 Jahren verlassen hat. Und die ihr nun nachläuft, bis sie sie nicht mehr ignorieren kann. Karin Hanczewski (inzwischen auch „Tatort“-Kommissarin in Dresden) verkörpert Lotte mit beeindruckender Präsenz und großem Mut zu den emotionalen Brüchen der Figur. Es sei spannender, eine solche Rolle zu spielen, die weit weg von einem selbst sei, erklärte sie auf die Nachfrage. Ob es denn Spaß gemacht habe, diesen Charakter am Abgrund zu spielen. „Sehr viel“, antwortet sie.

Marburg (wohl) Drehort bei nächstem Schultheiß-Film

Spielfreude und Hingabe ist dem Film in jeder Szene anzumerken. „Lotte“ zeige „ein Kino, wie wir es gerne in Deutschland mehr sehen würden“, begründete die Jury den „Achtung Berlin New Film Award“ für den besten Spielfilm. Und auch die Marburger waren begeistert. „Sehr beeindruckend“, urteilte ein Zuschauer. Der Film sehe „höchst professionell“ aus und überhaupt nicht nach Crowdfunding und Bausparvertrag. Genau so ist „Lotte“ aber zustande gekommen, ohne jede Förderung. Julius Schultheiß hat seinen Bausparvertrag aufgelöst, um die ersten Drehtage zu finanzieren. Und als das Geld ausging, hat er eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. „Lotte ist kein „Low-Budget“-, sondern ein „No-Budget“-Film.

Thematisch sei ihm der Begriff der Ignoranz wichtig, erklärte Schultheiß, das sei die grundlegende Haltung der Figur. Und die sei als erstes da gewesen, verriet er im Gespräch mit der OP. Und der „Rahmen“ drumherum, der ist dann aus vielen, häufig auch biografischen Puzzleteilen entstanden: Bilder, Emotionen, Themen und Situationen. Die Szene in der Kneipe hat sich so in Marburg abgespielt – beziehungsweise so ähnlich, denn die „Hauptfigur“ war eigentlich ein Mann. Apropos Marburg: Julius‘ Heimat wird bei seinem nächsten Film wahrscheinlich zum Drehort.

Die Förderung für die Stoffentwicklung hat der Regisseur schon in der Tasche, „und wenn wir es jetzt nicht komplett verbocken“, dann wird der Stoff auch umgesetzt. Komplett in Marburg. Es geht in den Bereich Kinder- und Jugendfilm, kündigte Julius Schultheiß an: eine Mischung aus „Kalle Blomquist“ und „Wenn die Gondeln Trauer tragen“. Erst einmal dürfen sich die Marburger jetzt aber auf „Lotte“ freuen. Ab Donnerstag ist der Film hier im Kino zu sehen. „Und wenn ihr das gut findet – raushauen“, fordert Schultheiß die Zuschauer auf.

von Nadja Schwarzwäller

Eine Filmszene mit Karin Hanczewski und Zita Aretz. 
Foto: Darling Berlin
 

„Lotte“ erhielt von den Besuchern der OP-Schnupper-Premiere im Cineplex das Prädikat: sehenswert mit der Note 3,11 (Bestnote ist 4,0).

Zuschauermeinungen:
„Sehr sensibel den Charakter der Darstellerin getroffen.“
Lucia Bodenhausen aus Marburg

„Endlich mal wieder ein anspruchsvoller deutscher Film.“
Thorsten Brand (46) aus Marburg

„Bester Film seit Jahren.“
Thomas Behrendt aus Marburg

„Anders als erwartet, teilweise zu heftig.“
Lars Plitt-Geissler (46) aus Weimar

„Ein spannender Film mit einer beeindruckenden Hauptdarstellerin.“
Ulrike Dukat aus Marburg

„Regt zum Nachdenken an, guter Schnitt, gute Filmmusik, super Schauspieler, Berlin guter Drehort.“
Lara Prien (21) aus Marburg

„Ein erster Wurf, der Hoffnungen weckt. Weitermachen.“
Isolde Herold aus Marburg

„Irre professionell, stellenweise auch sehr lustig, aber immer ganz nah an echten Gefühlen. Danke.“
Heike Thiesemann-Reith aus Marburg

„Zwei klasse Frauen.“
Dagmar Zuleger (54) aus Marburg

„Super schöne Nahaufnahmen, tolle Charakterdarstellung und ein Spannungsbogen von Anfang bis Ende. Klasse Film.“
Kay Köhler (54) aus Marburg

„Mit den wenigen Mitteln, die zur Verfügung standen, einen sehr guten und einfühlsamen Film gemacht.“
Ursula Schulze-Stampe aus Marburg

Die Gewinner:
Je zwei Freikarten gehen an: Christina Rusteberg aus Weimar, Lucia Bodenhausen aus Marburg, Sarah Payer aus Marburg, Ulrich Koehler aus Marburg und Bodo Langner aus Marburg. Die Karten werden zugeschickt.

Die OP-Hitparade:
1. Mahana – eine Maori-Saga (3,56)
2. SMS für Dich (3,49)
7. Lotte (3,11)

 
 
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