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Tolle Musik, langweilige Geschichte

Oper am Stadttheater Gießen Tolle Musik, langweilige Geschichte

Erneut ist am Stadttheater Gießen ein hierzulande praktisch unbekanntes Stück Musikgeschichte zu erleben: Emilio Arrietas 1850 entstandene Oper „Die Eroberung von Granada“.

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Zwei tolle Stimmen: Der Spanier Gonzalo (Leonardo Ferrando) liebt die Maurin Zulema (Naroa Intxausti). Foto: Rolf K. Wegst

Quelle: rolf k. wegst

Gießen. Am Ende gab es kräftigen Applaus für das „Dramma lirico“, bei dessen deutscher Erstaufführung allerdings Licht und Schatten zu erleben waren.

Doch zunächst zur Habenseite der Inszenierung von Intendantin Cathérine Miville und des musikalischen Leiters Jan Hoffmann, der auch für die Chorpartien verantwortlich zeichnet. Der Intendantin und ihrem Team ist es gelungen, einen musikalisch und optisch berauschend schönen Theaterabend auf die Bühne zu bringen.

Das ist natürlich auch das Verdienst von Lukas Noll, zuständig für Bühne und Kostüme. Er verortet die Handlung auf der von großen Paneelen eingefassten Drehbühne, die durch ein hohes Metallgestell und eine angeschrägte Rampe Struktur bekommt. Sie ermöglicht es unter anderem durch Höhenunterschiede, mit relativ einfachen Mitteln verschiedene Schauplätze zu realisieren.

Hut ab vor dieser Idee und auch vor den Kostümen, bei denen Noll auf einen farbenfrohen Historismus setzt. Kurz gesagt, ein gelungenes optisches Konzept, das mit der im ursprünglichsten Sinne des Wortes schönen Musik eine betörende Symbiose eingeht. Denn das, was das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Hoffmann aus dem Graben sprudeln lässt, ist höchst melodisch, im landläufigen Sinne bisweilen romantisch und immer mal wieder mit orientalischen Klängen durchsetzt.

Es macht Spaß, zuzuhören, auch bei den machtvoll vorgetragenen Partien von Chor und Extrachor und den Solisten, die sich am Samstagabend bestens aufgelegt zeigten.

Allen voran Naroa Intxausti als Zulema und Giuseppina Piunti als Isabella, die die weiblichen Hauptrollen gerade auch stimmlich mit unglaublicher Präsenz darboten und besonders in den Höhen beachtliche Leistungen zeigten.

Hut ab, auch vor Tenor Leonardo Ferrando als Gonzalo, dessen weiche und trotzdem raumgreifende Stimme ebenso betörte wie der gewohnt mächtige Bass-Bariton von Calin Valentin Cozma. Kurzum, das gesamte Sängerensemble inklusive Chor wusste am Samstag genauso zu überzeugen wie das Orchester und das Bühnenkonzept.

Miville und ihren Leuten ist eine visuell und akustisch überzeugende Inszenierung gelungen, die allerdings ein ganz großes Manko hat.

Damit zur Schattenseite des gut zweieinhalbstündigen Theaterabends, die leider die Geschichte selbst ist. Im Kern geht es um die Vertreibung der Mauren aus Spanien und den Abschluss der so genannten „Reconquista“ 1492, in die eine Liebesgeschichte um Zulema und Gonzalo eingebaut ist.

Klingt spannend, ist es aber nicht. Denn auf der Bühne passiert praktisch nichts. Oder besser gesagt: Die dargestellten Figuren tauschen sich aus über Ereignisse.

Doch zu erleben ist fast nichts außer eben zwischenmenschlicher Kommunikation ohne allzu viel Bewegung. Für Freunde der gepflegten Handlung ist das deutlich zu wenig, selbst wenn man davon ausgeht, dass der Plot von Opern grundsätzlich eher einfach ist.

Das alles auf einen Nenner gebracht: Wer tolle Musik in schöner Optik erleben möchte, sollte diese Inszenierung nicht verpassen.

Wer dagegen ein Opernerlebnis in ursprünglichem Sinne erwartet, dem sei abgeraten, denn die langatmige und öde Geschichte verlangt Durchhaltevermögen und legt schon sehr deutliche Vermutungen nahe, warum die Oper seit 1850 nicht auf deutschen Bühnen oder überhaupt außerhalb Spaniens nicht zu sehen war.

Die nächsten Aufführungen sind am 31. Mai, 9., 14. und 28. Juni und am 3. und 11. Juli jeweils um 19.30 Uhr im Großen Haus zu erleben.

Von Stephan Scholz

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